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Anschläge der TAK

30.08. 2006

TERROR IN DER TÜRKEI

 

Kurdische Freiheitsfalken, Boten der Hölle

Von Alexander Schwabe

In der Türkei schrecken Bombenattentate Einheimische und Touristen. Zu den jüngsten Anschlägen bekannten sich die "Freiheitsfalken Kurdistans". Die Gruppe operiert bislang völlig im Geheimen. 

Hamburg - Bei der Fahndung nach den Tätern der Bombenanschläge in der Türkei kommt die Polizei nicht voran. Ein gestern in Antalya festgenommener Händler musste nach einem Verhör heute wieder frei gelassen werden. Er war den Ermittlern suspekt vorgekommen, weil er seinen Laden kurz vor dem Anschlag, bei dem drei Menschen starben und 87 verletzt wurden, darunter drei Deutsche, zehn Minuten früher als üblich geschlossen hatte.

 

Antalya am Montag: Die Freiheitsfalken haben zugeschlagen

 

So geringfügig der Verdacht, der zu dieser Festnahme führte, so ratlos die Ermittler. So wenig ist aber auch bekannt über die Bekenner der Anschläge: die sogenannten Freiheitsfalken Kurdistans (TAK). Auf deren türkischer Homepage sind die politischen Forderungen der Truppe zu lesen - diese weisen darauf hin, dass die Freiheitsfalken der PKK, der Arbeiterpartei Kurdistans, nahe stehen -, doch darüber hinaus ist nicht viel über sie bekannt. "Man weiß nicht einmal, ob es Stellen gibt, die über die Freiheitsfalken etwas wissen", sagt Heinz Kramer, Türkei-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.

Die Freiheitsfalken wandten sich nach Angaben des baden-württembergischen Verfassungsschutzes erstmals im August 2004 an die Öffentlichkeit. Damals bekannten sie sich zu Anschlägen gegen zivile Einrichtungen vor allem im Westen der Türkei. Laut Bekennerschreiben wurden die Anschläge von einer speziellen "Vergeltungseinheit" der Freiheitsfalken ausgeführt. Diese nannte sich "Gurze Rustem Birligi" ("Einheit des Gurze Rustem"), benannt nach dem Helden aus einem iranischen Epos des 10. Jahrhunderts.

Seither ließen die Freiheitsfalken immer wieder die Waffen sprechen. Meist gingen den Anschlägen Warnungen an Touristen voraus, die Türkei zu meiden. Dann detonierten Sprengsätze wie bereits im vergangenen Jahr in Hotels in Istanbul, in Kusadasi, Çesme und Antalya mit mehreren Toten und Dutzenden Verletzten. Wie nach den jüngsten Anschlägen in dieser Woche in Antalya, Marmaris, Izmir und Istanbul drohten die Freiheitsfalken auch vor einem Jahr damit, die Türkei "in die Hölle zu verwandeln".

 

"Neue Stadtguerilla"

 

 Früher verbreiteten die Freiheitsfalken ihre Bekenntnisse zu Anschlägen über die in Deutschland ansässige, kurdische "Mezopotamische Nachrichtenagentur" (MHA). Diese wurde vor einem Jahr vom damaligen Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) verboten wie auch die türkisch-sprachige PKK-nahe Zeitung "Özgür Politika", die mittlerweile als "Neue Özgür Politika" wieder erscheint. Gegen die "Mezopotamische Nachrichtenagentur" läuft noch immer ein Strafverfahren.

Ein Mitarbeiter der MHA sagte der "Süddeutschen Zeitung" vor gut einem Jahr, die TAK-Leute blieben stets anonym und kurz angebunden. Die Freiheitsfalken rekrutierten sich aus einer neuen Generation "frustrierter junger Kurden", die in den Slums von Istanbul, Izmir und Ankara aufgewachsen sind, nachdem deren Eltern in den neunziger Jahren vor den Kämpfen der PKK und der Armee aus dem Südosten der Türkei geflohen waren. Andere kurdische Beobachter werteten die Freiheitsfalken als "sozial entwurzelte Jugend", als eine aus der Hoffnungslosigkeit geborene "neue Stadtguerilla".

Die baden-württembergischen Verfassungsschützer gehen von einer engen Verbindung zwischen der PKK, zwischenzeitlich Kongra-Gel (Volkskongress Kurdistans) genannt, und den Freiheitsfalken aus. Denn diese wurden 2004 nahezu zeitgleich aktiv mit der Beendigung des im Jahr 1999 von der PKK ausgerufenen Waffenstillstands durch die "Volksverteidigungskräfte", einer Guerillaorganisation der PKK.

 

Kleine Zellen in Ballungszentren

 

 Auch Türkei-Experte Kramer sieht einen engen Zusammenhang zwischen den Freiheitsfalken und der PKK. "Es gibt gute Gründe, anzunehmen, dass es sich um eine im Dunstkreis der PKK angesiedelte Organisation handelt." Das politische Programm sei sehr ähnlich. Die TAK trete für die Freilassung des seit 1999 auf der Gefängnisinsel Imrali im Schwarzen Meer einsitzenden PKK-Chefs Abdullah Öcalan ein. Unklar sei jedoch der Grad der Zusammenarbeit auf der Weisungs- und auf der operativen Ebene.

Einblicke in Struktur und Vorgehensweise der Freiheitsfalken sind schwer zu gewinnen. Bisher ist es nicht einmal dem türkischen Geheimdienst gelungen, die Organisation aufzuklären. Offenkundig agiert die Gruppe in kleinen Zellen in den Ballungszentren - wohingegen die PKK eine klassische stalinistische Kaderorganisation mit bekanntem Personal und bekannter Struktur vor allem im Osten des Landes ist.

Möglicherweise wütet innerhalb der PKK ein Streit um die künftige Form des Kampfes. Statt wie in den Jahren 1984 bis zur Waffenruhe 1999 als militärische Einheit aufzutreten, die vor allem Erscheinungsformen des türkischen Staates wie Polizei und Militär attackierte, zeigen die Aktionen der Freiheitsfalken klare Anzeichen des Terrorismus: Sie gehen wahllos gegen Zivilisten (nicht Militärs) vor, und sie tragen die Gewalt in die Zentren im Westen und in die Urlaubsgebiete.

Diese Form des Terrors ging auch heute weiter. In der Stadt Mersin explodierte eine Bombe, die vermutlich von den Freiheitsfalken gezündet wurde (mehr...). Die Folgen waren glimpflich. Eine Frau wurde am Arm verletzt. Durch die Detonation in einem Müllcontainer wurden in der Umgebung Autos und Gebäude beschädigt. Eine Person sei festgenommen worden, hieß es weiter.

Heute wurde außerdem bekannt, dass die türkische Armee die Kommandostrukturen im Südosten des Landes gestrafft und eine neue Division dort geschaffen hat. Damit soll besonders ein Einsickern von Kämpfern der PKK an der 330 Kilometer langen Grenze zum Irak verhindert werden.

 

Quelle:  Spiegel Online

 

Publiziert am: Montag, 21. Juli 2008 (5890 mal gelesen)
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