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Das zweite Leben der Hatun Sürücü

04. März 2005, Berliner Zeitung

Eine junge Türkin wurde vor vier Wochen in Berlin erschossen. Drei ihrer Brüder sitzen im Gefängnis. Sie war so anders, sagen die Leute

Sabine Deckwerth, Frank Nordhausen

BERLIN, 3. März. Es war schon von weitem zu hören, das Klappern ihrer hohen Absätze auf dem Steinboden vor der Werkstatt. Weil Hatun Sürücü oft mit Absatzschuhen zur Arbeit kam, egal, ob sie zu einer Baustelle musste oder nicht. "Dieser Klang", sagt ihre Kollegin und Freundin Jennifer, "geht mir nie wieder aus den Ohren".

Hatuns Spind in der Ausbildungswerkstatt für Elektroinstallateure in Berlin-Kreuzberg ist noch so, wie sie ihn verschlossen hat, ein paar Stunden vor ihrem Tod. "Aynur" steht in geschwungenen Buchstaben darauf, es bedeutet, jemand, der so hell leuchtet wie der Mond. Hatun hat sich diesen Namen gegeben, ihre Freundinnen haben sie so genannt. Neben dem Spind steht ihre Werkbank, blank gewienert. In einer Vase eine rote Rose. Davor ein Foto: Hatun, wie sie lacht. "Sie hat oft und laut gelacht", sagt Jennifer. "Du hast nie gewusst, wann es ihr gut ging und wann nicht."

Hatun Sürücü kommt nicht mehr. Sie wurde am 7. Februar 2005, abends kurz vor neun, an der Oberlandstraße in Berlin-Tempelhof, ganz in der Nähe ihrer Wohnung, erschossen. Drei Kugeln trafen sie in Brust und Kopf. Drei Wochen vorher war sie 23 Jahre alt geworden.

Sechs Tage später wurden drei ihrer fünf Brüder verhaftet. Mutlu, zwei Jahre älter als sie, Alpaslan, ein Jahr älter, und Ayhan, mit achtzehn der jüngste. Wenn sie vernommen werden, schweigen sie meist, und wenn sie doch mal reden, verwickeln sie sich in Widersprüche. Falls es stimmt, was die Polizei ermittelt hat, soll der Älteste die Waffe besorgt, der Mittlere die Schwester aus dem Haus gelockt und der Jüngste sie erschossen haben. Eine Zeugin, die Freundin des jüngsten Bruders, hat das so ausgesagt. Sie sagte auch, dass Hatun sterben musste, weil sie nicht so lebte wie ihre Familie. Wie aber lebte die Familie, wie lebte Hatun?

Am Kottbusser Tor in Berlin- Kreuzberg gibt es kaum ein Geschäft, einen Imbiss oder ein Café, das nicht türkische Inhaber hat. Auf der Straße sieht man ebenso viele Frauen mit Kopftuch wie ohne, in den Seitenstraßen liegen mehrere Moscheen. Hier wohnt die Familie Sürücü, in einem renovierten Altbau, im vierten Stock. Auf den Klingelschildern stehen viele türkische Namen. Die Klingel funktioniert nicht, auf das Klopfen öffnet ein Mädchen mit weißem Kopftuch, es ist die 15-jährige Songül, eine Schwester Hatuns. "Meine Eltern sind im Wohnzimmer", sagt sie leise. "Aber sie wollen nicht reden. Mit niemandem." Sie macht ein Gesicht, als müsse sie sich dafür entschuldigen. Dann sagt sie: "Ich habe Hatun von Herzen geliebt."

Kurz nach der Tat wurden türkische Reporter eingelassen. Sie erlebten eine Familie in tiefer Trauer. Wie sie es denn fanden, dass Hatun ihr Kopftuch, das Zeichen der muslimischen Frauen, abgelegt habe, fragte der Journalist der Tageszeitung Zaman. "Wir begrüßen es, wenn Frauen das Kopftuch tragen, aber wir können niemanden dazu zwingen", sagte ihr Onkel. Hatun habe sich von der Familie zurückgezogen, habe Männerbekanntschaften gehabt, sie hätten versucht, "sie für den Familienverband zurückzugewinnen", aber das sei nicht geglückt. Zu dem Reporter der Boulevardzeitung Hürriyet sagte Hatuns Mutter: "Wer meine Tochter getötet hat, der soll zur Hölle fahren!"

Die Familie Sürücü lebt seit zwanzig Jahren in Deutschland. Es sind einfache Leute, sie stammen aus der ostanatolischen Stadt Erzurum, wo achtzig Prozent der Menschen Kurden sind wie sie und wo das Leben hart ist, weil es kaum Arbeit gibt. Am Kottbusser Tor kennt man die Sürücüs, und kennt sie auch wieder nicht. In den türkischen Treffpunkten sagen die Männer, die ganze Familie besuche regelmäßig die nahe fundamentalistische Mevlana-Moschee. Der Vater pilgere nach Mekka. In ihrer Wohnung hingen Koransprüche und Bilder aus Mekka an der Wand. Nicht ungewöhnlich, aber vielleicht doch mehr als bei anderen Leuten. "Es sind welche, die fünfmal am Tag beten", sagt ein Gast im Vereinslokal des Fußballklubs Türkiyemspor.

Hatun war das fünfte Kind der Sürücüs und ihre erste Tochter. Sie hatte keinen Schulabschluss, weil sie das Kreuzberger Robert-Koch-Gymnasium nach der 8. Klasse verließ. Ihre Eltern hatten sie abgemeldet. "Das kommt vor. Wir erfahren aber kaum die wahren Gründe dafür", sagt Schulleiter Rainer Völkel. Die Lehrer wussten nicht, dass Hatun kurz darauf gar nicht mehr in Berlin war, weil ihre Eltern eine Hochzeit mit einem Cousin in Istanbul arrangiert hatten. Da war sie gerade fünfzehn.

Was in der Türkei genau geschah, liegt im Dunkeln. Türkischen Journalisten erzählte ihr Onkel, Hatun habe sich dort sehr verändert, habe plötzlich ihr Kopftuch abgelegt und sei mit ihrem Mann in Diskotheken tanzen gegangen. Diese Ehe scheiterte, eine zweite auch. Zwei Jahre später war Hatun wieder in Berlin, mit ihrem gerade geborenen Sohn Can. Als sie am Flughafen eintraf, soll sie, so hat es ein Bruder erzählt, wieder das Kopftuch getragen haben. Sie zog zunächst zurück in die Wohnung der Eltern.

Im Dezember 1999 lernten die Mitarbeiterinnen einer Beratungsstelle für junge Frauen des Jugendaufbauwerkes Hatun Sürücü kennen. Sie suchte eine Wohnung für sich und ihr Kind. Hatun Sürücü war damals siebzehn, Can sieben Monate alt. Sie trug ein schwarzes Kopftuch und einen langen schwarzen Mantel. "Sie war eine sehr ernste junge Frau", sagt die Sozialarbeiterin Jutta Sage-Hutopp, die sich erinnert, dass ein Bruder und eine Schwägerin bei dem Gespräch dabei waren. Hatun Sürücü besuchte da schon eine Einrichtung für minderjährige Mütter in Lichterfelde, wo sie ihren erweiterten Hauptschulabschluss nachholte. Sie hatte sich selbst um diesen Platz beworben, sie wollte etwas lernen, und sie wollte aus der Wohnung der Eltern weg. "Hatun hat sich während des Lehrgangs bei uns enorm entwickelt", sagt die Leiterin der Bildungseinrichtung.

Mit Hilfe des Jugendaufbauwerks fand Hatun Sürücü eine Wohnung im Bezirk Tempelhof. Zwei Zimmer, Küche, Bad, Balkon. Damals bemerkten die Sozialarbeiterinnen, wie Hatun sich veränderte. Statt des schwarzen Mantels zog sie nun Jeans und T-Shirts an. Sie begann sich zu schminken, trug Ketten und silberne Ringe. Dann legte sie auch das Kopftuch ab und ließ sich die Haare kurz schneiden. Ihren Glauben aber behielt sie. "Hatun aß nie Schweinefleisch", erzählt ihre Freundin Jennifer. Zu hohen islamischen Feiertagen ließ sie sich freigeben, um mit anderen Muslimen zu feiern. Und unter ihrem Shirt verborgen trug sie immer ein Amulett mit Versen aus dem Koran, das sie schützen sollte vor bösen Einflüssen und bösen Blicken.

Am 1. März 2001 begann Hatun Sürücü ihre Ausbildung in der Kreuzberger Werkstatt. Sie hätte dort auch Köchin lernen können, wollte aber Elektroinstallateurin werden. Ihre Ausbilder sagen, sie war besonders gut in Mathematik. Sie wirkte sehr eigenständig.

Es ist offensichtlich, dass ihre Familie diese Eigenständigkeit nicht gut hieß. "In den zweieinhalb Jahren, in denen wir sie betreuten, gab es immer wieder Stress", sagt Jutta Sage-Hutopp vom Jugendaufbauwerk. Eine Zeit lang durfte sie die Eltern nicht besuchen. Der Vater sprach nicht mehr mit ihr. Als ihr Bruder Mutlu heiratete, wurde sie nicht eingeladen. Hatun habe sehr darunter gelitten, sagt die Betreuerin. "Sie wollte von ihrer Familie akzeptiert werden. Sie hat immer wieder dort angerufen und versuchte, mit ihrem Vater zu sprechen."

Über eine Schwester nahm Hatun dann Kontakt zur Mutter auf, traf sich heimlich mit ihr in einem Café. Oder sie ließ ihren Sohn bei der Schwester, damit die Eltern ihn sahen. Seit etwa eineinhalb Jahren hat Hatun ihre Mutter dann einmal in der Woche besucht, das letzte Mal am Montag vor ihrem Tod. Die Betreuerin sagt auch, dass Hatun Sürücü sich von ihren Brüdern bedroht fühlte. "Sie redete nicht viel darüber, aber man merkte, dann ging es ihr schlecht, dann hat sie die Tür nicht aufgemacht." Mit einem Bruder, der in Köln lebt, verstand sie sich gut. Er studiert dort Jura. Hatun ist oft mit Can zu ihm gefahren.

Mit ihrer Freundin Jennifer ist sie manchmal tanzen gegangen, im Kudorf, einer Disco am Kurfürstendamm. Jennifer erzählt auch von einem deutschen Freund, mit dem Hatun zehn Monate zusammen gewesen sei. Die Beziehung ging vor einem Jahr zu Ende. Hatun habe Männer eigentlich immer auf Abstand gehalten. Wer ihr Freund sein wollte, durfte nicht über sie bestimmen und musste ihren Sohn gut behandeln, sagt Jennifer. "Can war das wichtigste in ihrem Leben."

Hatun hatte es fast geschafft. Vier Jahre hat sie in der Kreuzberger Werkstatt gearbeitet. Nur jeder zweite Jugendliche hält das durch. Sie hat sich um einen deutschen Pass bemüht und ihn auch bekommen. Sie hat ihren Führerschein gemacht. Am gestrigen Donnerstag hätte sie ihren Gesellenbrief erhalten. Danach wollte sie ihr Fachabitur machen. "Sie hatte so unglaublich viel Kraft", sagt eine Sozialarbeiterin. Es schien, als sei Hatun angekommen, in ihrem neuen Leben.

Am Kottbusser Tor kann sich niemand an die junge Frau erinnern. Dafür kennt man die Brüder. "Nette junge Leute", seien sie, "ganz normal". Mutlu und Alpaslan waren bis vor kurzem arbeitslos. Zuletzt hatten sie einen Job in einem türkischen Internetcafé, wie auch Ayhan, der Jüngste, der seine Schwester erschossen haben soll. Er hat die Realschule nicht geschafft. Er ging zum Boxtraining. Er soll sehr religiös sein. Meist hielt er sich zwei U-Bahnstationen weiter auf, am Schlesischen Tor, bei seiner Clique oder im türkischen Jugendtreff.

Der Jugendtreff ist schmucklos, nur eine türkische Fahne und ein Poster des Fußballvereins Galatasaray hängen an der Wand. Dort sitzen an diesem Tag zwei Dutzend türkische Jugendliche beim Brettspiel. "Ayhan war okay", sagen sie, mehr gebe es nicht zu sagen. "Er wird dafür büßen, fertig", sagt einer.

"Ich kannte Hatun" sagt ein anderer mit gegelten Haaren und Lederjacke. Er schildert sie auf seine Art: "Sie hatte kurze Haare wie eine Lesbe, sie hatte Piercings, sie gab sich mit verschiedenen Männern ab - und in ihrer Familie standen sie auf Kopftücher und die Moschee. Das geht nicht zusammen. Hatun hätte aus Berlin weggehen müssen. Sie hätte nie hier bleiben dürfen."

Hatun Sürücü wurde am 15. Februar beerdigt - auf einem muslimischen Friedhof in Berlin-Spandau. Ihr fünfjähriger Sohn Can wurde bei Pflegeeltern untergebracht.

Publiziert am: Freitag, 10. Juli 2009 (6670 mal gelesen)
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