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Der tote graue Wolf- Türkeiweite Trauer um einen verunglückten Faschisten

Türkeiweite Trauer um einen verunglückten Faschisten

Es gibt Tage, da wacht man auf in Istanbul und versteht dieses Land noch weniger als sonst. Mittwoch war so ein Tag. Bilder einer Beerdigung auf den Titelseiten. Die Straßen von Ankara ein Meer von Trauernden. Zehntausende. "Märtyrer sterben nie”, riefen sie, und: "Uns ist kalt, großer Führer”. Regierungsnahe Zeitungen kondolierten: "Die Türkei nimmt Abschied von ihrem Helden”. Der Held: Muhsin Yazicioglu. Keiner von der Regierung. Keiner von den großen Tieren. Vorsitzender einer Splitterpartei, der "Partei der großen Einheit”, BBP. Einst Grauer Wolf. Leitwolf. Ein Faschist. Ein frommer Faschist. Einer, der Menschen auf dem Gewissen hat. Einer, dessen Sarg am Dienstag auf dem Parlamentsgelände aufgebahrt wurde, unter "Gott ist groß”-Rufen.


Das Begräbnis von Muhsin Yazicioglu


Die Umstände seines Todes mögen einen Teil der Anteilnahme erklären. Es ist der 25. März, nur Tage vor der Wahl, als Yazicioglu einen Hubschrauber besteigt. Der Hubschrauber stürzt ab. In den Bergen. Es schneit. Dichter Nebel. Ein Journalist setzt einen Notruf ab. "Die anderen sind tot … Ich friere so … Wann kommt ihr?” Das Handy erstirbt. Schnee bedeckt den Hubschrauber. 3000 Helfer durchkämmen die Berge. Die Nation fiebert mit, tagelang. Der 54jährige Yazicioglu und seine Begleiter werden erst nach drei Tagen gefunden. Tot.

Dennoch. Von einer "nationalistischen Hysterie”, spricht nun die Istanbuler Schriftstellerin Perihan Magden, vom "emotionalen Strohfeuer eines Volkes, dem Rationalität völlig fremd” sei, vom "Prinzessin-Diana”-Effekt: Der Schnee, der Nebel, die Berge, ein toter Prominenter in den besten Jahren. Schon, aber Prinzessin Diana war schön und naiv und warb um Verständnis für Waisenkinder und HIV-Infizierte. Yazicioglu warb für Gott und fürs Vaterland und hetzte gegen alle, die er für unpatriotisch und unmuslimisch hielt.

Seine Karriere begann er als Ülkücü, als "Idealist”. So nannten sich die Grauen Wölfe. Sie waren die jungen Sturmtruppen der ultranationalistischen "Partei der nationalen Bewegung” MHP, und jagten Linke und Kommunisten. Es waren die blutigen 1970er Jahre, und dass sie so blutig waren, daran war Yazicioglu nicht unschuldig. 1978 übernahm er den Vorsitz der Grauen Wölfe. Im selben Jahr kam es zum Massaker von Balgat: Graue Wölfe eröffneten das Feuer auf linke Kneipen und töteten fünf Menschen. Vor Gericht sagte einer der Balgat-Mörder später aus, sämtliche Attentate seien von Yazicioglu gesteuert worden. Nach dem Militärputsch 1980 musste Yazicioglu für siebeneinhalb Jahre ins Gefängnis. Die Putschgeneräle führten ihren eigenen Kampf gegen die Linke und erfanden zu diesem Zweck die "türkisch-islamische Synthese” - eine Idee, die sich Yazicioglu zueigen machte: 1993 gründete er seine eigene Partei, die BBP, die auf den radikalen Nationalismus der MHP noch religiösen Eifer draufpackte. "Wird unser Blut auch vergossen, so gehört der Sieg doch dem Islam” ist ein BBP-Slogan.



Gefühle für den Mörder

Viel mehr als ein Prozent errang die BBP nie bei Wahlen, Yazicioglu gelang 2007 dennoch zum dritten Mal der Einzug ins Parlament, als Unabhängiger in seinem Geburtsort Sivas. In die Schlagzeilen schaffte er es 2005, als er die Lynchjustiz eines türkischen Mobs an friedlichen kurdischen Demonstranten rechtfertigte mit den Worten, wo der Staat versage, dürfe der Bürger "nicht zurückstehen”. 2006 wurde in der Hafenstadt Trabzon ein katholischer Priester ermordet, woraufhin Yazicioglu zu Protokoll gab, christliche Missionare würden "vom CIA unterstützt”. Anfang 2007 wurde der armenisch-türkische Journalist Hrant Dink von einem Jugendlichen erschossen. Als einer der Anstifter des Mordes steht Erhan Tuncel vor Gericht - ein BBP-Mann aus Trabzon. Es gibt ein gemeinsames Foto von Tuncel und Yazicioglu. Öffentlich verurteilte der Parteichef den Mord. Als aber kurz darauf auf Youtube ein Schmählied des nationalistischen Barden Ozan Arif auftauchte, in dem die Leiche von Hrant Dink zu sehen war, unterlegt mit dem Gesang "Hört auf die Glocken zu läuten, hört auf pro-armenisch zu sein / wenn einer sein Land verrät, dann hat er sein Leben verwirkt”, da pries Yazicioglu den Sänger als "Dolmetscher für die Gefühle der Nation, die gegen Verrat aufsteht”.

Muhsin Yazicioglu ist tot. Zur Trauerfeier am Dienstag erschienen der gelobte Sänger Ozan Arif ebenso wie die ehemalige Premierministerin Tansu Ciller und ihr Innenminister Mehmet Agar - Gallionsfiguren des "tiefen Staates” und des schmutzigen Krieges gegen Kurden und Linke in den neunziger Jahren. Es erschienen aber auch Premier Tayyip Erdogan, Staatspräsident Gül und Generalstabschef Ilker Basbug. Der Direktor des Staatlichen Religionsamt Ali Bardakoglu hielt die Trauerrede und sagte: "Bruder Muhsin war ein Patriot.” Fetullah Gülen, der im US-Exil lebende einflussreichste türkische Religionsführer, nannte Yazicioglu einen "guten Charakter und einen mutigen Anatolier”. In den Zeitungen findet sich nicht ein schlechtes Wort über ihn. In den konservativen und religiösen Fernsehsendern werden in Endlosschleifen Bilder seines Lebens gezeigt, dazu trägt eine pathetische Stimme Verszeilen von Yazicioglu vor, die er im Gefängnis geschrieben hatte, nach all den Morden: "Beton ist kalt / Mich friert”. Uns auch.

Publiziert am: Mittwoch, 01. Juli 2009 (5469 mal gelesen)
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