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Ein Tatsachenbericht aus der Türkei

Bursa

Bursa ist auf dem ersten Blick eine westtürkische Stadt wie jede andere. Die Stadt wächst rasant schnell. Da viele europäische Firmen in dieser Stadt investieren, kann Bursa einen erheblichen Zuzug aus der ganzen Türkei und natürlich auch aus den Gebieten von Nordkurdistan verzeichnen. Außerdem leben hier viele Türken, die vom Ausland zurückkehrten, wie aus Europa oder von den Balkangebieten.

Das müsste die Stadt eigentlich zu einer Offendenkenden Stadt machen. Doch das genaue Gegenteil ist der Fall. Gerade hier sind die Türken äußerst rassistisch eingestellt, die MHP konnte sich hier hervorragend etablieren und hier gibt es wohl leider auch die meisten assimilierten Kurden*. Daneben ist die Stadt gegenüber anderen Städten eher konservativ und religiös, auch die Hizbullah verzeichnet hier viele Anhänger. Rassismus auf der Strasse Ich, eine Deutsche, bin aus beruflichen Gründen vor ungefähr zwei Jahren hierher gekommen. Im Gegensatz zu vielen Deutschen hatte ich keine Vorurteile gegenüber den Türken, aber auch, genauso wie viele meiner Landsleute, nicht all zu viel Ahnung von diesem Land. Von Kontakten zu politisch engagierten Kurden oder der Sympathie zur

Da gab es Bekannte, die ihre kurdische Identität sogar vor ihren ‘’besten’’ Freunden leugnen, aus Angst, die Freunde könnten sich dann von ihnen abwenden (Natürlich kann man geteilter Meinung sein, ob so eine ‘’Freundschaft’’ es Wert ist, sie zu erhalten).

Kurdischen Befreiungsbewegung war ich, im Gegensatz zu heute, damals noch weit entfernt. Doch schon sehr bald erkannte ich, dass hier so einiges falsch läuft. Man muss nicht unbedingt politisch auf dem neusten Stand sein, um den alltäglichen Rassismus auf der Straße zu erkennen. Da gab es Bekannte, die ihre kurdische Identität sogar vor ihren ‘’besten’’ Freunden leugnen, aus Angst, die Freunde könnten sich dann von ihnen abwenden (Natürlich kann man geteilter Meinung sein, ob so eine ‘’Freundschaft’’ es Wert ist, sie zu erhalten). Da gab es Bekannte, und nicht nur einen, die trotz hervorragendem Universitätsabschluss keine Anstellung finden können, nur weil in ihrem Personalausweis ein Geburtsort steht, der sich in Nordkurdistan befindet. Da gibt es einen Freund, der trotz, dass er einem staatlichen Beruf nachgeht und vom Staat in diese Stadt versetzt wurde, monatelang keine Wohnung für sich und seine Familie findet, nur weil er Kurde ist. Da werden seine Kinder in der Schule vor der ganzen Klasse vom Lehrer herabgewürdigt, nur weil sie einen kurdischen Namen tragen. Da wird man in der Stadt von Unbekannten bösen Blickes gewürdigt, ja sogar angespuckt, nur weil man am Telefon kurdisch spricht. All das und noch einiges mehr lassen mich jeden Tag nachdenken, warum sind die Türken so?


Der Charakter der Türken

Als Ethnologin weigere ich mich zu glauben, dass eine ganze Nation von Natur aus rassistisch ist. Ich sehe die Wurzel des Problems vor allem in der Schulerziehung und in der Geschichte des Landes. Zu einem hat man hier nie gelernt zu diskutieren oder eigene Meinungen offenzulegen. Ein nicht denkendes Volk ist für einen totalitären Staat immer bequem, da es keine unbequemen Fragen stellt. Das war im Osmanischem Reich mit seinem Agha-System so und auch unter Atatürk wurde diese Ideologie fortgesetzt. Er wurde und wird nur eine Antwort akzeptiert: tamam (das war wohl eines der ersten Wörter, die ich hier lernte). Deshalb ist es auch eine große Errungenschaft der PKK, die erkannte, dass das Agha-System der Türkei den Fortschritt des Landes nur behindern wird und somit dagegen vorging. Da die Türken es nie lernten mit anderen Meinungen und Ideen konfrontiert zu werden, vertragen sie auch keine Kritik Jedes Land hat positive und negative Seiten, doch für die Türkei existieren nur positive - ‘’Türkiye en güzel’’, auch eines der Wortphrasen, die ich gleich zu Beginn lernte. Ich habe noch nie ein Land erlebt, dass von sich fast nur im Superlativ spricht. Selbst, wenn man nur vorsichtige Kritik anbringt, fühlt sich ein Türke sofort persönlich beleidigt. Diese Misere wird durch das kemalistische Schulsystem noch unterstützt. Über allem steht Atatürk, dessen Thesen Wort für Wort den Schülern jeden Tag eingehämmert werden. Alles muss Eins sein, sonst wird das Land gespalten und dazu zählen hier auch andere Meinungen und natürlich auch andere Sprachen und Kulturen. Die Menschen werden Mundtod gemacht Eine Lehrerin sagte hier mal einem Freund von mir, dass sie es nicht verstehen könne, wie man über negative Dinge des Landes in der Schule sprechen kann (die Diskussion ging über die Aufarbeitung des Nationalsozialismus an deutschen Schulen). Das lässt mich verstehen, warum jeder Normalbürger kategorisch zum Beispiel den Armenier- oder Dersim Genozid als Lüge abstempelt (natürlich stecken in der Leugnung politisch gesehen noch ganz andere Ziele dahinter, auf die ich hier aber nicht eingehen möchte). Die Ideologie: ‘’Alles muss gleich sein’’ dringt hier jeden Tag an die Ohren der Kinder und Erwachsenen, sei es in der Schule oder in den Medien. Alles andere macht den Türken große Angst. So verwundet es auch nicht mehr, dass Menschen, die eine andere Meinung vertreten, mundtot gemacht oder gleich erschossen werden. Oder dass sich die Zensur wie ein roter Faden durch die gesamte Medienlandschaft zieht. Zeitungen und Internetseiten, die nach einer Zensur nur noch eine weiße Fläche aufweisen würden, werden dann gleich verboten oder gesperrt. Das dies zu erheblichen Problemen in einem Vielvölkerstaat, was die Türkei nun mal ist, führt, verwundert den Außenstehenden dann nicht mehr. All das hat mich zu der Ansicht gebracht, dass der türkische Staat das Problem gar nicht lösen will, sondern es mit aller Gewalt eliminieren möchte. Dafür gibt es viele Beispiele: die Türkisierung Nordkurdistans kennen wir alle, das geht so weit, dass nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung im Osten ausbleibt, sondern auch die Kultur vernichtet werden soll. Das aktuellste Beispiel hierfür ist Hasakeyf. Mit dem Ilisu- Projekt kontrolliert man nicht nur besser die Berge und dreht Syrien das Wasser ab, sondern man zerstört auch eines der wichtigsten Kulturgüter Kurdistans. So hat man 3 Fliegen mit einer Klappe geschlagen. In Bursa wird zum Beispiel momentan mit großem Aufwand die Stadtmauer mit Stadttor und die Zitadelle restauriert. Hasankeyf versinkt dagegen in den Fluten. Da fragt man sich doch, was ist das für ein Land, was mit seinen Kulturdenkmälern so umgeht. Bezeichnend dabei ist es jedoch, dass dies nur das Schicksal der kurdischen Kulturgüter ist. Fazit für mich: Alles, was etwas mit Kurdistan zu tun hat, soll dem Erdboden gleichgemacht werden. Ich bin der festen Überzeugung, dass der türkische Staat nicht an einer Lösung des Problems interessiert ist. Das beweist auch das permanente Ignorieren der angebotenen Waffenstillstände seitens der PKK. Ich glaube, dass der türkische Staat auf Unruhen unter der kurdischen Bevölkerung hofft, um so vor der Welt und vor allem vor Europa sein Vorgehen gegen die kurdische Bevölkerung rechtfertigen zu können.


Türkei will das Problem Schüren

Wer einmal in Kurdistan war und später diese Region während des Newroz-Festes besuchte, wird diese Ansicht teilen. Die Provokationen, die von der Polizei und Armee an diesen Tagen ausgehen, sind unglaublich. Man versteht, dass die Türkei gerade zu in dieser Zeit auf Ausschreitungen wartet, um das Fest erneut zu verbieten. Deshalb meinen besonderen Dank an die dort lebenden Kurden, dass sie trotz dieser Provokationen und der unglaublichen Nachricht von der Vergiftung Serok Apo’s dieses Jahr so ruhig blieben! All das zeigt, dass die Türkei das Problem eher schüren will, so dass sie ihre Vernichtungspolitik fortsetzen können. Der Staat will gut 20% seiner Bevölkerung vernichten - das Volk der Kurden. Auf der anderen Seite, würde es eine Regierung geben, die einem Gespräch mit der PKK zustimmen würde, wären sie die längste Zeit an der Macht gewesen. Die Türkei hat ihr Volk so fanatisiert, dass viele einer Lösung, die gleiche Rechte für die Kurden vorsehen würde, niemals zustimmen würden. Der Rassismus nimmt unter der Bevölkerung derzeit weiter zu. Der Grund hierfür liegt nicht nur in den oben genannten Ausführungen sondern auch an den dauernd scheiternden EU-Gesprächen. Hier haben MHP oder auch die BBP, die der MHP in Sachen Nationalismus langsam den Rang abläuft, neuen Nährboden gefunden. Nach dem Motto: ‘’Europa will uns nicht, also bleibt stolze Türken!’’. Wie stark rechtsradikale Parteien sind, werden wir zur nächsten Wahl merken. Dass die Wahl wohl auch nicht mit rechten Dingen zugehen wird, sieht man schon jetzt - ständig werden Mitglieder der kurdischen Partei DTP unter fadenscheinigen Gründen verhaftet, um eine gerechte Wahlbeteiligung zu verhindern. Die Frage ist nun, wie lange wird die PKK und das kurdische Volk den immer schlimmer werdenden Repressionen zusehen? Ich habe hier viele kurdische Freunde. Keiner von ihnen wünscht sich eine militärische Auseinandersetzung, aber es gibt Zeiten, wo diese unvermeidbar sind. Diese Zeit steht vor der Tür des türkischen Staates und wenn er nicht bald seine Tür öffnet und mit Gesprächen beginnt, werden die Kurden ihm diese Tür eintreten.

 

Ciwanên Azad Mai 2007

Publiziert am: Donnerstag, 20. März 2008 (4960 mal gelesen)
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