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Frauen und Volksdichtung

In den meisten kurdischen Gesellschaften spricht eigentlich nichts gegen weibliche dengbêj oder stranbêj (SängerInnen) oder cîrokbêj (GeschichtenerzählerInnen), auch wenn einige Gattungen geschlechtsspezifisch zugeordnet sind, wie etwa die Totenklage der Frauen oder die unflätigen Lieder, die der Bräutigam und männliche Freunde bei der Hochzeit singen. Tatsächlich überwiegt jedoch in konservativen Gemeinden die Auffassung, dass es sich für eine Frau nicht ziemt, in einer gemischten Gruppe zu singen9. Will eine Frau dies dennoch tun, braucht sie die Unterstützung ihres Vaters beziehungsweise ihres Mannes. Dennoch ist in vielen Veröffentlichungen von Verfasserinnen und Sängerinnen von Liedern die Rede. Der bekannte Kurdologe Thomas Bois vertrat sogar die Ansicht, dass die meisten kurdischen Lieder, einschließlich der Liebes- und Kampflieder, von Frauen stammen10. A. Jaba, ein früher Sammler von Volksdichtung, berichtet von Frau und Tochter eines toten Helden, die ihm zu Ehren viele Totenklagen verfasst haben, die >>bis heute<< gesungen werden11. Der kurdische Schriftsteller Mehmet Uzun, der traditionelle Gemeinschaften in Syrien besuchte, weiß von einer beachtlichen Anzahl von Sängerinnen zu berichten, die weiterhin auftreten12. Im Laufe meiner eigenen Feldstudien konnte ich beobachten, dass Frauen, die sich schämten, vor einem gemischten Publikum aufzutreten, gerne sangen, wenn sie mit ihren Kindern oder anderen Frauen zusammen waren. Ein kurdisches Kind lernte schon immer viele Lieder und Geschichten von seiner Mutter, seinen Großmüttern und Tanten, weil Frauen traditionellerweise eher zu Hause blieben als Männer und die Sorge für kleinen Kinder trugen. In den letzten Jahren, wo viele Väter und Onkel >>in den Bergen<< (d.h. Guerillakämpfer), im Exil, im Gefängnis oder tot sind, spielen Frauen nicht nur eine wichtige Rolle in der Weitergabe traditioneller Folkloreformen, sondern auch in der Vermittlung einer spezifischen kurdischen Weltsicht, die das Nationalbewusstsein der jüngeren Generation entscheidend prägt. Eine enge Beziehung zwischen Frauen und Volksdichtung wird denn auch von vielen kurdischen ForscherInnen bestätigt13.

Die Volksdichtung ist somit ebenso eine Domäne der Frauen wie der Männer. Frauen sind unter den VerfasserInnen, den Vortragenden und dem Publikum großer Legenden wie Mem û Zîn und Zelbilfiroş, Epen wie Dimdim sowie den unzählige Volksmärchen und Liebesgedichten zu finden. Auch wenn bestimmte Gattungen ausschließlich Frauen vorbehalten sind, gibt es im allgemeinen keine großen geschlechtsspezifischen Unterschiede im Hinblick auf den vortragenen beziehungsweise rezipierten Textkorpus. Im bestimmten Gesellschaften sind der männlichen und der weiblichen Diskurs strikt voneinander getrennt; für die kurdische Kultur trifft dies jedoch nicht zu. Ich konnte keinen Hinweis darauf finden, dass kurdische Frauen die in der Volksdichtung verwendeten Muster allgemein als unterdrückend empfinden oder das Gefühl haben, diese seien nur von Männern geschaffen worden. Ebenso wenig konnte ich innerhalb von Gattungen, die beiden Geschlechtern offenstehen, geschlechtsspezifische Unterschiede bei den Liedern feststellen, je nachdem, ob sie von einer Frau oder einen Mann verfasst wurden. Es ist davon auszugehen, dass Frauen die Art und Weise, wie sie in der Volksdichtung dargestellt werden, weitgehend hinnehmen und in vielen Fällen sogar dazu beitragen.

In Gattungen, die ausschließlich Frauen vorbehalten sind, können diese sich theoretisch frei äußern. In der Praxis befolgen sie aber auch in solchen Fällen die Regeln der Gattungen. In einer şîn14, einer Totenklage, wird eine trauernde Witwe ihren verstorbenen Mann immer als schön und geliebt darstellen, auch wenn sie ihn in Wirklichkeit hasste. Dies wird selbstverständlich von ihrem weiblichen Publikum verstanden. Frauen benutzen die şîn auch, wenn sie Trauer oder Zorn über andere Dinge als den Todesfall zum Ausdruck bringen wollen15. Erfahrene Zuhörerinnen können subversive oder verborgene Botschaften sehr wohl verstehen.

Interessanterweise genießen die ausschließlich Frauen vorbehaltenen Gattungen offensichtlich ein niedriges Ansehen. Männern scheinen die starken Gefühle, die in den şîn zum Ausdruck kommen, peinlich zu sein und sowohl diese Totenklagen als auch die Lieder, die Frauen bei der Arbeit singen, fehlen in der Regel in Sammlungen kurdischer Volksdichtungen. Natürlich ist es für männliche Wissenschaftler schwierig, an das entsprechende Material heranzukommen16, aber das allein erklärt nicht, warum man mir bei meinen eigenen Feldstudien permanent davon abriet, diese Gattungen zu untersuchen17. Wiegenlieder sind hingen in verschiedenen Sammlungen vertreten und scheinen allgemein eher akzeptiert zu werden.


 


Entnommen aus: Allison, F. Christine: Volksdichtung und Phantasie: Die Darstellung von Frauen in der kurdischen mündlichen Überlieferungen. In: Eva Savelsberg, Siamend Hajo, Carsten Borck (Hrsg): Kurdische Frauen und das Bild der kurdischen Frau, Münster 2000, s. 37-39.

 



9Wie ich bei meinen eigenen Feldforschungen feststellen konnte, gilt dies etwa für YezidInnen in Bahdinan.

 

10Bois 1955: 32

11Jaba1860: Şekir axa Şenk. Hierbei handelt es sich vermutlich um eine stran (s.u.) als um die ausschließlich von Frauen praktizierten Totenklagen, die in den meisten nördlichen Gebieten şîn heißen.

12Uzun 1992: 32

13z. B. Rohat 1994: 5

14Die Gattung hat in den verschiedenen Teilen Kurdistans unterschiedliche Namen.

15Im Hinblick auf eine şîn, die mehreren Zwecken dient. Vgl. Allison 1996: 42-45

16Eine Ausnahme stellt die von der Dr. Shukriya Resul von der Saladin-Universität durchgeführte Studie über die Totenklagen der Frauen dar.

17Männer stellten permanent Fragen wie „Warum interessieren Sie sich für so ein trübseliges Thema (wie die şîn). Den Frauen selbst war es peinlich, die Lieder, die sie bei der Arbeit singen, vorzutragen.   

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