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Unvergessen und Ungesühnt

07. Februar 2008, Spiegel-online

Von Anna Reimann

Vor drei Jahren wurde Hatun Sürücü in Berlin von ihrem Bruder erschossen - der Mord entfachte eine Debatte über Gewalt in Zuwandererfamilien. Ein Hilfsverein, den Bekannte Sürücüs gründeten, rettete im vergangenen Jahr mehr als 100 Frauen vor ihren Angehörigen.

Berlin - Eine Häuserecke in Berlin-Tempelhof, gegenüber ein Supermarkt. Im 20-Minuten-Takt fahren Busse vorbei, die Straße ist zugig. Normalerweise erinnert hier nichts daran, dass genau an dieser Stelle eine junge Frau ermordet wurde. Doch heute, an ihrem Todestag, wird der Deutsch-Türkin mit Kranzniederlegungen gedacht.

Drei Jahre ist es her, dass die damals 22-jährige Hatun Sürücü hier starb, weil sie ihr Leben nach eigenen Vorstellungen leben, einen Beruf haben wollte, sich von ihrem Ehemann, mit dem sie zwangsverheiratet wurde, lossagte. Ihr eigener Bruder feuerte auf die damals 22-Jährige.

Die Erinnerung an Hatun Sürücü bleibt lebendig. Drei Jahre nach der Tat sind mehr Menschen - Bekannte, erschütterte Bürger, Politiker - gekommen, als in dem Jahr zuvor. Die Autorinnen Seyran Ates und Necla Kelek sind da, Vertreter aller Parteien, Mitarbeiter von Frauenhilfsorganisationen und der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat. Sie legen Blumen nieder und Kränze, ein Plakat mit der Aufschrift "Wir werden dich nicht vergessen, Hatun!" lehnt an der Häuserwand.

Der Name Hatun Sürücü sei zum Symbol für Frauen geworden, die ihren eigenen Weg gehen wollten, so der Bezirksbürgermeister von Tempelhof-Schöneberg, Ekkehard Band (SPD). "Sie hat nur ein ganz normales Leben gewollt", sagt Band und erinnert auch an Hatun Sürücüs Sohn Can. Der Junge lebt seit dem Mord an seiner Mutter bei einer Pflegefamilie. Die Familie Sürücü hatte versucht, das Sorgerecht für Can zu bekommen, das Vormundschaftgericht lehnte den Antrag ab. Es sei nicht im Sinne der Ermordeten, hieß es.

Der Prozess um den Mord an Hatun Sürücü ist indes noch nicht abgeschlossen. Zwar wurde Hatuns Bruder Ayhan im Jahr 2006 zu neun Jahren und drei Monaten Jugendstrafe verurteilt, seine zwei Brüder wurden jedoch aus Mangel an Beweisen freigesprochen, obwohl eine Kronzeugin aussagte, dass die Brüder an dem Mord beteiligt waren.

Im August 2007 hob der Bundesgerichtshof (BGH) in Leipzig die Freisprüche der Sürücü-Brüder Mutlu und Alpaslan wieder auf. Das Verfahren muss nun neu verhandelt werden. Aber nach einem Bericht des Berliner "Tagesspiegel" weigert sich Mutlu, zum Prozess aus der Türkei nach Deutschland zu kommen. Es ist anzunehmen, dass gegen die beiden Verdächtigen internationaler Haftbefehl erlassen wird. Einen neuen Termin für die Verhandlungen gibt es bislang nicht.

"Hilfsverein rettet 127 Frauen in einem Jahr"

Unterdessen verzeichnen Frauenhilfsorganisationen einen riesigen Ansturm. Vor einem Jahr haben Bekannte von Hatun Sürücü den Verein "Hatun und Can" gegründet. Von Gewalt bedrohte Frauen können per E-Mail Kontakt zu der Hilfsorganisation aufnehmen. Die Mitarbeiter helfen dann schnell und unbürokratisch: Sie holen Hilfesuchende gegebenenfalls ab, organisieren ihr eine neue Wohnung, schaffen ihr ein neues Leben. "Hatun und Can" finanziert sich ausschließlich über Spenden und erweitert mit seiner Arbeit die Hilfe von etablierten Hilfseinrichtungen wie "Papatya" und Frauenhäusern.

"Innerhalb eines Jahres konnten wir 127 Frauen aus Lebensgefahr retten", sagt der Vereinsvorsitzende von "Hatun und Can", Andreas Becker*. Der Ansturm sei finanziell häufig kaum zu bewältigen, auch die Zusammenarbeit mit den Behörden sei oft schwierig. Bei der Kriseneinrichtung "Papatya" werden jährlich nach eigenen Angaben 70 bis 80 Frauen vorübergehend untergebracht.

Die Frauenrechtlerin und Anwältin Seyran Ates beobachtet, dass sich mittlerweile mehr junge Frauen trauen, Hilfe zu suchen. Direkt nach dem Mord an Hatun Sürücü seien einige ihrer Mandantinnen aus Angst, dass ihnen Ähnliches passieren könnte, bei ihren gewalttätigen Männern geblieben. "Aber mit der Zeit haben immer mehr Frauen gewagt, auszubrechen", sagt Ates. Die deutsche Gesellschaft sei inzwischen stärker sensibilisiert für Gewalt gegen Frauen.

Auch die Autorin Necla Kelek sieht, dass die Öffentlichkeit für Verbrechen wie "Ehrenmorde" seit dem Fall Sürücü sensibilisiert ist: "In der türkischen Community ist das aber noch nicht richtig angekommen", sagt sie.

*Name geändert

Publiziert am: Freitag, 10. Juli 2009 (5386 mal gelesen)
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