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Was geschah 1937 – 38 in Dêrsim?

Ayşe Hür, Taraf1

1937 sogenanntes Reformprogramm


Ministerpräsident Ismet Inönü hatte seine Eindrücke und Vorschläge bezüglich des Ostens 1935 in einem „Ostbericht“ veröffentlicht. In der Regierungssitzung vom 18. Juni 1937, an der auch Generalstabchef Fevzi Çakmak teilnahm, stellte er das sogenannte „Reformprogramm“ vor. Demnach sollten Straßen, Brücken, und Schulen gebaut, militärische und Steuerangelegenheiten geregelt, Feudalismus, Stammesherrschaft und Scheichtum aufgehoben werden; die Besitztümer Gewalttätiger sollten in staatlichen Besitz überführt und der Bevölkerung Land, landwirtschaftliche Maschienen und Saatgut gegeben werden. Diejenigen, die Dêrsim zu einem Zentrum für Räuber gemacht hatten sollten im türkischen Westen zu ehrenhaften, gebildeten Staatsbürger ausgebildet werden. Dêrsim sollte komplett entvölkert werden und niemand ohne die Genehmigung des Ministerrates in Dêrsim wohnen oder sich dort niederlassen dürfen. So sollten die Menschen aus Dêrsim – laut offizieller historischer These ursprünglich original sunnitische Türken aus Khorasan und zu den Kizilbaş-Kurden [=Aleviten] übergegangen – zu ihrem eigentlichen Umfeld und ihrem eigentlichen Ich kommen. Unter den von Inönü veröffentlichten Maßnahmen befande sich auch folgende: „In den mehrheitlich türkisch-bewohnten Orten sollten Mädchen – und Jungenschulen eröffnet werden. Dort sollen alle Kinder aus Dêrsim, die das fünfte Lebensjahr erreicht haben, Schulbildung erhalten. Sie sollen miteinander verheiratet werden. So soll ein türkisches Nest enstehen“2.


Während das Programm vorbereitet wurde, ergaben sich 2 000 bis 3 700 Gesuchte den staatlichen Sicherheitskräften. Die einzige Widerstand Leistende waren Seyîd Riza (Şey Riza)3 und seine Gefährten, die sich in der Schlucht Kutu versteckt hatten.


Das Verfahren gegen Seyîd Riza und seine Gefährten begann am 18. Oktober 1937 in Elazig. Am 15. November wurden Seyîd Riza sein Sohn Wûşen/Hüseyin, Haso Seyîdî, Führer des Şêxan-Stammes, der Führer des Isûvan/Yusufan-Stammes und weitere Stammesführer hingerichtet.


Anderthalb Monate nach den Hinrichtungen begann eine noch umfangreichere Offensive in Dêrsim. Nach Unterlagen des Generalstabs sollten am 2. Januar 1938 im Dorf Kackerek 1 149 von den Justiz und Ausmusterungsbehörde in Ovacik gesuchte Personen, 100 Personen des Haydaran-Stammes, 50 Räuber des Demanan-Stammes etc.4 mitsamt Familien gesäubert weren5.

Dass dies nicht das Ziel war, war bekannt. Denn die Offensive war nicht auf das Gebiet des Widerstandes begrenzt, sondern umfasste auch Pertek, Mazgirt, Nazmiye, Pülümür und Erzinca, welche dem Staat Steuern zahlten und zum Militär gingen. Diese Züchtigungs- und exemplarische Bestrafungsoffensive dauerte bis zum 31 August an. Mit dieser wurden laut Buch alle Räuber, Diebe, Bergmenschen und umgebenden Gruppen vernichtet, gesäubert und ihre Dörfer verbrannt. Die Bilanz der Offensive vom 6. – 16. September 1938: „Aus dem Gebiet wurden lebend bzw. tot 7 945 Menschen herausgeholt. 1 019 Waffen wurden beschlagnahmt.“ Nach inoffiziellen Angaben liegen die Zahlen deutlich höher. Und Vertreibungen: Nach der Offensive wurden 347 von Innenminister Şükrü Kaya persönlich ausgewählte Familien auf die westlichen Orte Tekirdag, Edirne, Kirklareli, Balikesir, Manisa und Izmir verteilt. Celal Bayar, der aufgrund der Krankheit Mustafa Kemals am 1. November 1938 die Eröffnungsrede im Parlament hielt, brachte seinen „Stolz über die Säuberung Dêrsims von Räubern und Banditen sowie die Etablierung der nationalen Vorherrschaft6. Inönü erklärte: „ Wir sind die Plage von Dêrsim losgeworden.“ Der Kampf derjenigen, die sich in den Bergen versteckt haben, wird bis 1946 fortgesetzt; erst 1948 geht er zu Ende; das Verbot über das Gebiet wird erst 1948 aufgehoben.




Quellen: Reşat Hallı, Türkiye Cumhuriyetinde Ayaklanmalar (1924-1938), Genelkurmay Harb Tarihi Başkanlığı, 1972, M. Kalman, Belge ve Tanıklarıyla Dersim Direnişleri, Nûjen Yayınları, 1995, Nurşen Mazıcı, Celal Bayar’ın Başbakanlık Dönemi (1937-1939), Der Yayınları, İstanbul, 1996; Dersim, Jandarma Genel Komutanlığı’nın Raporu, Kaynak Yayınları, 1998; İsmail Beşikçi, Tunceli Kanunu (1935) ve Dersim Jenosidi, Belge Yayınları, 1990; Mehmet Bayrak, Alevilik ve Kürtlük, Öz-Ge Yayınları, Ankara, 1997.

2Siehe hierzu das Lemma, Assimilationsdruck auf die Bevölkerung Nordkurdistan, in unserer Enzyklopädie, URL: http://www.kurdica.com/News-sid-Die-Assimilation-der-Kurden-im-tuerkischen-Bildungssystem-518.html

3Zu den legendären Anführer Kirmancîye´s/Kurdistans: Seyîd Riza, URL: http://www.kurdica.com/News-sid-Sey-d-Riza-140.html

5Eine bescheidene Liste dieser Vertreibungen und Exekutionen findet sich in unserem Lexikon, URL: http://www.kurdica.com/News-sid-Der-Genozide-an-den-D-rsimkurden-211.html

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