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Werden auch in einem freien Kurdistan Sevdas hingerichtet?

Hatice Yaşar
Übersezung Senol Akkilic


Sevda war und ist eines von hunderttausenden kurdischen Mädchen, das in die Slums von Urfa getrieben wurde und dazu verdammt war, Arabesk Kultur a la Müslüm Gürses zu konsumieren.

Nach Auffassung ihrer Mutter genoss sie es, von zu Hause auszureißen, um auszugehen. Das war nicht im Sinne der Familie – schließlich setzte sich der Familienrat zusammen und fällte eine Entscheidung. Ein Mädchen, das auf den Straßen herum lief, verunreinigte die Ehre der Familie. Nur das Blut der Sevda könne diesen Schandfleck bereinigen. Der Familienrat beriet tagelang über die Details der Hinrichtung. Die Hinrichtung sollte auf weitere Sevdas abschreckend wirken.

Die Hinrichtung sollte nicht geheim, sondern öffentlich vor den Augen tausender Menschen – Männer – vollzogen werden. Außerdem sollte der Mord keine strafrechtlichen Folgen für Familienangehörige haben und von einem strafunmündigen Mitglied der Familie begangen werden. Der 14jährige Cousin war für die Tat maßgeschneidert. Mit der Befürchtung, der Junge könnte versagen, stellte ihm die Familie zwei erwachsene Männer zur Seite. Die beiden Erwachsenen hatten zwei Aufgaben. Erstens sollten sie, falls der Junge die Tat nicht zu vollziehen vermochte, ihm dabei helfen. Zweitens, sollte doch noch jemand aus der Menschenmenge Sevda zu Hilfe eilen, würden sie diese Person mit dem Vorwand „Lasst ihn sie töten, denn er ist der Bruder des Mädchens und es geht um die Ehre der Familie“ aufhalten. Die Männer kannten die Gesetze, die sie machten, allzu gut: Geht es um die Frage der Ehre, ist die Hinrichtung jeder Frau ohne zu hinterfragen gerechtfertigt.

Zur gleichen Zeit wurden am Tendürek (ein Berg in Kurdistan) oder in einer der anderen Metropolen weitere Sevdas hingerichtet. Ihre zerschnittenen Brüste und ihre nackten Leichen wurden im Fernsehen mit dem selben Abschreckungscharakter zur Schau gestellt.

Die beiden Sevdas wurden ermordet, weil die erste sich in ihrer Eigenschaft als Frau und die zweite in ihrer Eigenschaft als Kurdin den Grenzen, die ihnen gesetzt wurden, widersetzt hatten. Bei beiden Morden behaupteten die Mörder, ihre Tat sei legitim und sie hätten ein Anrecht darauf diese Morde zu begehen.

Beide Morde wurden von ihren Auftraggebern mit dem Hinweis auf unverzeihliche schwere Vergehen begründet. Beim ersten waren es die „Gemeinschaftswerte“, die ignoriert wurden, beim zweiten der Vorwurf des „Separatismus“. Dabei wollten beide Sevdas nur ihre eigenen Identitäten frei artikulieren dürfen und über ihr Schicksal selbst bestimmen. Die erste Sevda wollte ihre sexuelle und die zweite ihre nationale Identität bestimmen.

In beiden Fällen verstellten ihnen jene den Weg, die ihre Identität und Geschichte usurpiert hatten und ihre Zukunft verfinstern wollten. Diese Kräfte waren die Systemerhalter oder -errichter, die über das eigene Volk oder über das der Schwesternation herrschten. Sie verlangen ihren Opfern bedingungslosen Gehorsam ab.

Jene, die ihre Herrschaft auf das Zerschlagen der Identität irgendeiner Gruppe in der Gesellschaft bauen, dulden, solange sie von den Betroffenen keinen entschlossenen Widerstand erfahren, die Einschränkung ihrer Grenzen nicht. Ganz im Gegenteil, sie festigen ihre Herrschaft mit einer Vielzahl an Gesetzen und Institutionen. Ob herrschende Nation oder Geschlecht, da gibt es keinen Unterschied, sie betrachten jene Menschen, denen sie die Identität gestohlen haben als nicht gleichwertig, und versagen ihnen gleiche Rechte. Zusätzlich zu ihren Unterdrückungsinstrumentarien stellen sie auch noch Tabus auf.

In Kontext zu unserem Thema bilden die nationalen Grenzen (misaki milli – so wird das Territorium der heutigen Türkei bezeichnet) und die Werte und Normen der kurdischen „Gesellschaft“ zwei zentrale Tabus. In beiden Fällen wird von den Herrschenden nicht die geringste geistige Auseinandersetzung der Unterdrückten mit diesen Tabus geduldet. Dabei ist der Mensch nur dann seinesgleichen würdig, solange er/sie seine/ihre Identität besitzt. Als Frauen, die der unterdrückten Nation angehören, begannen wir die Tabus wie misaki milli zu hinterfragen. Dass dies keine leichte Sache ist, erfahren Kurden tagtäglich. Dass die Linken der unterdrückenden Nationen, geschweige die offiziellen Kräfte der vier Nationen, die Kurdistan besetzt halten, unsere Forderungen schwer verdauen und unsere Existenz nicht so leicht verkraften konnten, ist noch frisch in Erinnerung. Sarkastisch und spaßhalber sagen sie noch heute „Gut, aber ihr wollt ja zu viel“. Unerschöpflich entgegnen wir seit Jahren mit der Aussage „Nicht zu viel, wir wollen das, was ihr habt.“

Nun müssen wir den selben Prozess mit unserer zweiten Identität, nämlich der des Frauseins, beginnen. Es ist notwendig, die Entschlossenheit, die wir gegenüber den Morden, die die Kolonialstaaten begehen, aufbringen, auch im Falle der Hinrichtungen von Frauen durch kurdische Männer an den Tag zu legen. Wir Kurden ergaben uns nicht den Ausreden der Linken der Unterdrückernation, die meinten „Ihr seid uns gleich, doch nun dürfen wir die Demokraten nicht abschrecken, schaffen wir einmal den Sozialismus gemeinsam, dann könnt ihr auch frei werden“, und wir stellten unsere nationalen Forderungen. Genauso sollten wir Frauen uns verhalten und unsere sexuelle Identität selbst bestimmen können. Wir sollten im Stande sein alle Werte, die zu Heiligtümern erklärt werden, zu hinterfragen, warum sie heilig sind und wer sie für heilig erklärt.

Über den nationalen und demokratischen Befreiungskampf der Kurden wird oft gesprochen. Die Forderungen dieses Kampfes dürfen aber im Sinne der Geschlechter nicht neutral sein oder gar nur von einem Geschlecht bestimmt werden. Denn diese Gesellschaft besteht mindesten zur Hälfte aus den Sevdas. Inklusive der kurdischen Sprache erlebt die Sevda alle kurdischen nationalen Werte als Frau. Und die Sevda ist dazu aufgerufen zu sagen, was sie will und was sie unter Befreiung versteht.

„Berdel, Qalin, (Frauennamen, die mit schrecklichen Ereignissen verbunden sind), die Frau, die als Versöhnungsgabe bei Clan-Streitigkeiten verschenkt wird; Buki Pist Perde, die gehorsame Frau, deren Stimmlage nie laut sein darf; die mit ihren Schwiegereltern möglichst wenig und durch Zeichen kommunizieren soll; die dem eigenen Kind in Anwesenheit anderer keine Zärtlichkeiten schenken darf; die, während sie auf der Strasse geht oder irgendwo sitzt, „anständig“ zu sein hat; die nur vor sich hin blicken und zu Boden schauen darf; die in einer Gemeinschaft erst dann reden darf, wenn sie gefragt wurde; die ohne den Kopf zu heben kurz und bündig antworten muss; die ohne die Erlaubnis des Familienchefs und ohne männliche Begleitung – selbst wenn diese nur ein Kind ist –, nicht aus dem Haus darf; deren einzige Instanz über ihren Körper und über ihre Ehre der Mann ist; sollte er in diesem Zusammenhang ein Vergehen feststellen, ist das Todsurteil zu fällen.

Eine geschiedene Frau (talaq diraw) wird sofort mit ärgsten Schimpfwörtern in Kurdisch belegt, wovon sie sich schwer aus dieser Schieflage befreien kann. Das sind nur einige der Traditionen, die die Entfaltung der Frauenidentität der Sevdas verhindern.

In unserem Land bilden diese Werte die ideologische Basis zur Hinrichtung von Frauen. Werden diese Werte in irgendeiner Weise überschritten, reicht dies, um Frauen zu nationalen Verräterinnen zu erklären. Ich schreibe bewusst nationaler Verrat, weil daraus ein Versuch der Attacke der Frauen gegenüber den kurdischen Werten konstruiert wird. Dabei sind die geschilderten Traditionen kein untrennbarer Bestandteil des kurdischen Volkes und können auch nicht nur mit dem Feudalismus und dessen Überresten erklärt werden.

Es handelt sich hier um die Grundsteine des patriarchalen Systems in der kurdischen Gesellschaft. Die Herrschaft der Männer gab es auch vor der Zeit des Feudalismus in Kurdistan. Diese Werte wurden in der kurdischen Gesellschaft von kurdischen Männern oder deren Propheten und Göttern geschaffen und stellen jene politischen bzw. ideologischen Normen dar, die im Lauf der Geschichte von Sklavenhaltern, Feudalherren, Kapitalisten, Sozialisten und Anarchisten ungefragt übernommen und sogar perfektioniert wurden.

Dieser Tatsache vermag nur die kurdische Frau, die eine Opferrolle bekleidet, einen Namen zu geben. Denn die Herrschenden lassen die Kosten ihrer Herrschaft von unsichtbaren Personen tragen. Sobald sich die Unsichtbaren sichtbar machen, vertagen die Herrschenden die Lösung der Probleme in eine ungewisse Zukunft. Die kurdische Frau wurde seit Jahren mit sich wiederholenden Formulierungen wie, „Das sind feudalistische Überreste“ oder „Wir können nach der Befreiung Lösungen anbieten“ vertröstet. Dabei setzt sich die älteste Ausbeutungsform, nämlich jene zwischen den Geschlechtern in unserem Land wie auch überall, in verfeinerter Art und Weise fort.

Daran hat die Veränderung der ökonomischen Systeme oder die politische Machtübergabe von Mann zu Mann nichts geändert. An keinem der Grundwerte der Männerherrschaft wurde angestreift. Wie auch eine Philosophin feststellte, blieb die Welt als eine Männerwelt bestehen. Lassen wir einmal die Beispiele aus den anderen Revolutionen auf der Welt beiseite.

Seit über vier Jahren existiert ein kurdischer Staat im Süden unseres Landes, auch in diesem Staat wird die Hinrichtung von Sevdas fortgesetzt. Als die Frauen in der Zeit der Peschmerga-Kriege als Kämpferinnen nützlich waren, sagte die politische Klasse der Kurden über die Hinrichtungen: „Das sind Überreste des Feudalismus, die werden wir nach der Befreiung liquidieren“.

Mittlerweile an der Macht, begnügen sie sich mit Aussagen wie „Das sind Werte der kurdischen Gesellschaft“. Bis gestern stellten sich die Frauen in den Bergen nicht die Frage, was kurdische Werte seien und sagten auch nicht „Ich mache die Hälfte dieser Gesellschaft aus und deshalb sind Werte, die mir schaden, nicht meine Werte“. Seit ihrer Entwaffnung warten Frauen und Frauenorganisationen in der befreiten Stadt Sulimaniye in ihren Wohnungen und Büros, in die sie eingesperrt sind, auf den Tag, an dem sie zur „Jina Xirap“ (schlechte Frauen )erklärt werden.

Um zu verhindern, dass sich diese Situation in anderen Teilen Kurdistans wiederholt, müssen die kurdischen Frauen beginnen, ihre Zukunft jetzt aufzubauen.

Damit wir nicht zu Zeuginnen/Beteiligten von Morden an Sevdas in unserer freien Heimat werden, ist es notwendig, dass jede kurdische Frau folgendes sagt:

Ich bin die Sevda, bin die Zekiye Xanim (gnädige Frau Zekiye), bin die Margeret. Mich haben die kurdischen Männer auf dem Gewissen. Meine einzige Schuld war mein Bekenntnis zu meiner Identität als Frau. Ohne meine Zustimmung bin ich mit zwei Identitäten auf die Welt gekommen. Selbst wenn ich wollte, kann ich diese nicht loswerden. Ich bin eine Kurdin und eine Frau.

Bei diesen Identitäten kann es keine Prioritäten geben, außerdem kann ich nicht einmal selbst die beiden Identitäten voneinander trennen. Ich möchte mit meiner Identität aufrecht, mit erhobenem Haupt, leben können. Ich möchte wie jeder Türke, Perser oder Araber auf den Straßen in meiner Muttersprache singen und, wenn ich will, wie mein Bruder eine Runde auf der Straße drehen können.

Meine erste Identität habe ich bei meinen Freunden in der Unterdrückergesellschaft nach dem kurdischen Sprichwort „zer zanid, zor zanid, dewe tifenga mor zanid“ – Reichtum, Macht und Waffe bestimmt das Geschehen – durchgesetzt. Muss ich gegenüber dem kurdischen Mann mit der selben Methode vorgehen, damit er meine Entschlossenheit zur Verteidigung meiner Frauenidentität versteht?

Im Programm der politischen Klasse der Kurden möchte ich eine eindeutige Erklärung zu den Gründen meiner Hinrichtung sehen. Ich erwarte von ihnen die selbe Haltung, die sie bei der Ermordung eines Kurden in Diyarbakir zeigen, auch im Falle von Sevda, die in der Stadt Urfa ermordet wurde. Selbst wenn ihre Väter in den Bergen Peschmergas sind oder der Führungsriege einer „nationalen“ Führungsriege angehören. Die kurdischen Männer sollen aufhören, ihre Ehre mit meinem Blut rein zu waschen, sie sollen woanders nach ihrer Ehre suchen.

Ich bin die Sevda und ich verfüge über die Reife, meinen Körper, meine Identitäten und meine Ehre selbst zu schützen.

Wenn es mich, meine eigene Identität und meine eigene Ehre nicht gibt, ist es reine Demagogie, vom kurdischen Volk und seinem Mutterland zu sprechen. Ein „freies Kurdistan“, in dem ich nicht existiere, ist ein Kurdistan der Männer.

Wenn die kurdischen Männer auf so einer Freiheit beharren, sollen sie ruhig ohne mich ihre Ehre untereinander rein waschen und als kurdische Männer vom Selbstbestimmungsrecht Gebrauch machen. In der Auseinandersetzung der Männer aus unterschiedlichsten Nationen um die Macht möchte ich keinen Platz haben. Ich werde meinen Kampf für ein Land und für eine Welt, in der ich meine kurdische und Frauenidentität frei entfalten kann, fortsetzen. Die Sevda wurde mit einem Lektionscharakter inmitten der Stadt Urfa hingerichtet.

Ich werde die kurdische politische Klasse, die die Ermordung der Sevda nicht verurteilt hat, überall isolieren und werde nie neben ihren Vertretern Platz nehmen. Der Feind meines Feindes ist nicht mein Freund, ich kann gleichzeitig mehrere Feinde haben. Ich weiß, das ist hart, aber meine Geduld ist ebenso stark.

22. Mai 2004

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