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Gesellschaft: Berdêl
Geschrieben am Dienstag, 07. Oktober 2008 von Baran Ruciyar

Gesellschaft

Berdêl, wahrscheinlich vom ber (vor) dêl (von dil, Herz), Wiedergutmachung oder eine leichte Dissimilation des arabischen Badal was soviel wie „Gegenleistung“, "Ersatz" bedeutet. Im weiten Sinne Tausch von Mädchen um das Brautgeld und andere Hochzeitskosten zu ersparen.



Das Weiterbestehen von Traditionen wie Qelin (Brautpreis), Berdêl etc. wurde durch das Bündnis des Staates mit kurdischen Großgrundbesitzern und Stammesführern, das gewissermaßen auch die Überwindung von feudalen Besitzverhältnissen und der damit verbundenen Hierarchien behinderte, begünstigt. Einerseits war man bemüht die Kurden so schnell wie möglich zu assimilieren, zum Staatsvolk zu integrieren, anderseits war die große Mehrheit der Kurden als Nomaden und Dörfler vom gesellschaftlichen Transformationsprozesses in den frühen 60iger Jahren so gut wie ausgeschlossen. Erst die systematisch vorangetriebene rapide Urbanisierung der kurdischen Bevölkerung trug dazu bei, die bis dahin doppelte Benachteiligung der Frau in Kurdistan halbwegs zu bagatellisieren. Zwar macht sich mittlerweile eine Individuation und Emanzipationsbestrebung kurdischer Frauen in den letzten Jahren bemerkbar, doch kann man es nicht auf die Gesamtheit beziehen, da die kurdische Frau sich generell freiwillig der patriarchalischen Hierarchie, alleine aufgrund der entsprechenden Weltanschauung des Islam, unterstellt.

Der Begriff Berdêl bezeichnet im Eigentlichen diverse Vorschriften einer Eheschließung, die jedoch alle die gleiche Wurzel, nämlich die Zwangsheirat von Mädchen und jungen Männern aufweisen. Die Differenz dieser Prozesse wird auch in der kurdischen Terminologie keineswegs deutlich. Einzig eine undogmatische, kritisch-rationale und konstruktive Betrachtung würde eine Präzisierung der Definition des Berdêl ermöglichen. 

       

1.      „Endogamie ist ein Hinweis auf Nomadentum, da diese immer endogam heirateten um den Besitz der Herde in der Familie zu belassen es war für sie die Überlebensgrundlage“ (persönliche Mitteilung von rinret). Die Tradition der endogamen Ehen ist heute noch in Kurdistan weit verbreitet; es ist eine gesellschaftliche Kollektiventwicklung zur Sicherung des Familienbesitzes. Selbst in der Diaspora wird oft bei den Kurden der Brauch geführt, den Ehepartner aus der Heimat, heißt Kurdistan, zu wählen - da sie in Kultur, Sprache und Religion übereinstimmen, sehr oft wird dabei der Partner innerhalb der Verwandtschaft gewählt und das endogame Verhalten somit beibehalten. Grundsätzlich halten die meisten Kurden an dem Gebot der Endogamie fest, welches sich für die alevitischen, sunnitischen und yarsanistischen Kurden zuerst an der Religion und zweitens an der Sprache orientiert und drittens auch an der Familie. Für die kurdische Yeziden dagegen ist es ein religiöses Gebot, das streng befolgt wird. Geheiratet wird nur innerhalb der Kaste. Heiratet ein Yezide oder eine Yezidin außerhalb der yezidischen Gemeinschaft, wird er oder sie in der Regel ausgeschlossen. So bezeichneten alle von Hajo und Savelsberg interviewten Yezidi-Kurden die Verpflichtung zur Endogamie, jedenfalls als das wesentlichste Gebot. In vielen Fällen ist es das einzige yezidische Gebot, das genannt wurde. So war es allen interviewten Personen wichtig, dass ihre Kinder später einmal innerhalb der yezidischen Gemeinschaft heiraten (Hajo, Savelsberg; 25). Dementsprechend ist eine Kreuzcousinenheirat gar nicht selten. Manchmal kommt es sogar zu einer Doppelhochzeit. Ein Bruder und eine Schwester heiraten gleichzeitig Cousin und Cousine. Ein Berdêl folgt aber einer besonderen Regel: Diese Doppelhochzeit wird schon geplant, wenn die Kinder noch ganz klein sind - heißt sie werden bei der Geburt meist schon versprochen. Berdêlî (türkisch:beşik kertmesi) – einander versprochen sein. Dieser Wahl kann die Mutter des Kindes Einhalt bieten, wenn sie das andere Kind, was als Ehepartner in Frage käme, ebenso stillt, da Milchgeschwister hiervon ausgenommen sind. Kommt eine der Ehen aus irgendeinem Grund nicht zustande, findet dann auch die andere Hochzeit nicht statt.

 

2.    „Berdêl“ bedeutet auch die Zwangsverheiratung zur Verhinderung einer Blutfehde zwischen zwei Familien. Blutfehden sind unter den wilden Stämmen Kurdistans allgegenwärtig. Tötet ein Stamm jemanden vom verfeindeten Stamm, so wird die Verschenkung einer Frau als Versöhnungsgabe verlangt oder angeboten; Buka Pişt Perdê, die gehorsame Frau, deren Stimmlage nie laut sein darf und mit ihren Schwiegereltern möglichst wenig und lediglich durch Zeichen kommunizieren soll. In ihrem neuen Zuhause wird sie generell miserabel behandelt. Es werden nur für sie geltende Regelungen getroffen, die sie zu befolgen hat: Ohne die Erlaubnis des Familienchefs und ohne männliche Begleitung – selbst wenn diese nur ein Kind ist –, darf sie nicht aus dem Haus; deren einzige Instanz über ihren Körper und über ihre Ehre der Mann ist; sollte er in diesem Zusammenhang ein Vergehen feststellen, ist das Todsurteil zu fällen.

 

3.   Die Polygamie ist in der autonomen Region Kurdistan (vgl. KGR) verboten. Staatlicherseits ist es auch in den Ländern mit kurdischer Bevölkerung (außer Iran) verboten. Der Islam jedoch erlaubt durchaus eine Polygamie. Tatsächlich werden vom Imam Trauungen in diesem Rahmen vollzogen. So ist es nicht ungewöhnlich, dass ein Mann, der sich dies finanziell leisten kann, mit mehreren Frauen in ehelicher Gemeinschaft leben. Das Dilemma jedoch ist, dass Familienvätern, die sich aus finanziellen Gründen kein zweites oder drittes (meist aufgrund von Qelin) mehr leisten können, tauschen als Ersatz ihre Töchter aus. Er gibt dann an die Familie, deren Tochter er heiraten möchte, seine eigene Tochter als Braut und bekommt die Tochter der anderen Familie als Austausch zur Ehefrau. 


 

 

Quelle: Siamend, H & Savelsberg, E.: Yezidische Kurden in Celle, in: Kurdische Studien 1 (2001), S. 17 – 52. Erstmalig Prozess wegen Zwangsverheiratung, in: Nûçe Nr. 295, 9.2. 2007. ders. Polygamie in Südkurdistan: Nr. 315, 29. Juni 2007. Johannes Meyer-Ingwersen, Die kurdische Minderheiten IN: Ethnische Minderheiten in der Bundesrepublik Deutschland : ein Lexikon / hrsg. von Cornelia Schmalz-Jacobsen und Georg Hansen. Red. Bearb.: Rita Polm. - München : Beck, 1995. Amnesty-Report: Turkey: Women confronting family violence, 2. Juni 2004. Hatice Yaşar : Werden auch in einem freien Kurdistan Sevdas hingerichtet ?, in: Kurdica-Archiv. Berdel ölüm getirdi:  http://www.aktuelbakis.com/print/8249.html  Dawet (Hochzeit): http://www.kurdistan.at/  (letzter Besuch: 23.07.08).

Berdêl

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