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Freiheitskampf: Das Pogrom von Farqîn (Silvan)
Geschrieben am Samstag, 23. August 2008 von Baran Ruciyar

Freiheitskampf

Mindesten 13 Menschen wurden bei dem Pogrom von Farqîn (türk. Silvan, historischer Name: Mîyafariqîn) Anfang April 1970 getötet.

Mit der Einführung des Mehrparteisystems wurden zwar in den 60iger- und 70iger-Jahren Parteien jeglicher Couleur, von links über faschistisch-nationalistisch bis pro-islamisch gegründet, jedoch machte die Masse neuer Parteien noch lange keine lebendige Demokratie aus. Ein Beweis hierfür war die Fortführung der kulturellen und politischen Unterdrückung der Kurden. Insbesondere die späten 60iger waren geprägt vom linken Aktivismus und politischer Gewalt. In diesem politischen Chaos waren auch einige kurdische Untergrundorganisationen involviert, deren Aktivitäten sich auf Nordkurdistan beschränkten.

Die Organisation der Revolutionären Kurdischen Jugend (DDKO) organisierte zwischen 1967 und 1969 eine Welle von Demonstrationen, a. u. auch in Farqîn, gegen die doppelte Unterdrückung durch den Agha (Großgrundbesitzer) und den Staat. In zahlreichen kurdischen Städten kam es zu Ausschreitungen. Die kurdischen Agitatoren und die Bauern riefen in ihrer Muttersprache: "Schluss mit der Unterdrückung durch die Aghas, gegen Faschismus und Imperialismus" und "Freiheit für Kurdistan - Freiheit für alle türkischen Völker". Zu dieser Situation im Osten kamen noch die linken politischen Bewegungen aus der Westtürkei, die u. a. von dem Legenden umwobenen Deniz Gezmis angeführt wurden. Damit wurde die Regierung zunehmend in die politische Defensive gedrängt, so dass sich letztlich die Armee gezwungen sah "die Ordnung wieder herzustellen“.

Offen forderten die Aghas und örtliche türkische Behörden in Kurdistan eine Intervention der Militärs gegen die „wild brüllenden“ Kurden. Lange ließ es sich nicht auf sich warten: die Initiierung und den Anstoß zur Machtübernahme starte die Armee in Kurdistan. Hunderte von Städten, Dörfern und Gemeinden wurden spontan angegriffen und auf Grund „der Jagd auf die Räuber“ durchsucht. Unter dem Deckmantel man wolle die „Räuber und Kriminellen“ festnehmen, sollte das kurdische Volk zum Opfer einer grausamen Militärintervention werden. Jeder, der in irgendeiner Weise negativ aufgefallen war, wurde festgenommen.

„In der Nacht von 7. auf den 8. April 1970 belagerten 2 000 Soldaten, unterstützt von 6 Helikopter und Artillerieeinheiten, die kurdische Stadt Farqîn, 70 km östlich von Dîyarbekir. Ohne jeglicher richterlicher Verfügung wurden die Häuser der Stadt durchsucht, alle Einwohner mussten sich auf vier Sammelplätzen von den Jandarmas schikanieren lassen. 3144 Männer wurden verhaftet, Kinder misshandelt und Frauen vergewaltigt“ (vgl. Roth; 222). Die kurdischen Bewohner der Stadt trieb man zusammen und führte sie 17 stundenlang nackt durch die Straßen. Während dieser Zeit erhielten die Bewohner nichts zu essen. Mindesten 13 Menschen wurden dabei getötet. Ein Augenzeuge berichtet: „Sie haben uns nicht nur gefoltert, sondern ständig beschimpft: Ihr müsst das Land verlassen. Ihr seid nicht auf der Seite der türkischen Republik. Ihr seid ungläubig. Wir suchen für euch ein Land in Afrika“ (eben.). Der mittlerweile verstorbene ehemalige türkische Außenminister Ismail Cem, der damals noch als Journalist für die Tageszeitung Milliyet tätig war, berichtete in seiner Zeitung: “der blinde Mann sagte, mich haben sie auch geschlagen, sogar mich haben sie geschlagen. Er sprach langsam, mit Unterbrechungen, denn er fand die türkischen Wörter nicht“. Ein anderer Augenzeuge sagte: „Dabei beschimpften sie uns: „Du bist ein Kurde. Verschwinde von hier und geh zu Barzani. Diese Waffen sollt ihr bestimmt zu Barzani schmuggeln“ (Cem; 17-28). Den Bauern wurde der Besitz von Waffen unterstellt. Tatsächlich hatten die Bauern auch einige Jagdwaffen, die fürs Jagen eingesetzt wurden.

Trotz jeglicher Berichte der DDKO und kurdischer Zivilorganisationen über dieses Ereignis, wobei sie einen sogar an den türkische Staatspräsidenten sandten, schwieg die Regierung über diese Tat. Die Militärs rechtfertigten ihr Vorgehen, indem sie verlauten ließen, dass der Befehl direkt vom Staatspräsidenten selbst kam, was aber bis heute nicht belegt werden konnte. Auch kurdische Bauern, die sich wegen der an ihnen begangenen Folter an ein Gericht wandten, wurden wiederholt verhaftet und nochmals gefoltert.

 

 


Quellen: Cem, Ismail: Türkiye özerine araştirmalar, Istanbul 1970. 1960-71 Arasinda Kürt Hareketi, in: Sosyalizm ve Toplumsal Mücadeleler Ansiklopedisi, Istanbul 1989. Roth, J. (Hrsg.): Geographie der Unterdrückung, Hamburg 1978. Bozcali, H: DDKO Dosyası I, In: Bîr 5, 2005.

Das Pogrom von Farqîn (Silvan)

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