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Politik: Die Gefangennahme acht türkischer Soldaten und ihre Folgen
Geschrieben am Mittwoch, 01. Oktober 2008 von rinret

Politik in Kurdistan

Die eigentliche Macht in der Türkei ist das Militär. Dieses Organ überwacht akribisch genau, ob die Lehren Atatürks im Land eingehalten werden, und wenn eine vom Volk gewählte Regierung nach seiner Meinung von diesem Weg abrutscht, wird es gnadenlos weggeputscht.

Auch die Mehrheit der Türken steht hinter dem Militärapparat. So wird eine Feier abgehalten, wenn der Sohn zum Militärdienst eingezogen wird, gefallene Soldaten werden mit allen heroischen Ehren zu Grabe getragen und auch schon den türkischen Kindern wird diese Ideologie eingeimpft.

In dieses Klischee passt es nicht, wenn türkische Soldaten von dem vermeintlichen Feind, die kurdischen Guerillas in den östlichen Bergen, gefangen genommen werden und diese auch noch öffentlich bekannt geben, dass sie von ihren Feinden gut behandelt werden. So kam es zur Jahreswende in der Türkei zu einem Eklat.

 

Im Winter 2007/08 startete diesmal das türkische Militär nicht nur über den sonst kampfarmen Winter eine erneute Offensive sondern sie griff auch mit Duldung der USA den Nachbarstaat Irak, genauer das kurdische Regionalgebiet an. Im Zuge dieser Kampfhandlungen wurden am 21. Oktober 2007 acht türkische Soldaten durch die HPG gefangen genommen. Fünf Tage später sendete der kurdischen TV-Sender RojTV eine Botschaft der in Gefangenschaft sitzenden Soldaten. Dabei wandte sich einer der Soldaten an die Öffentlichkeit mit folgenden Worten: „Wir werden hier gut behandelt, wir sind in Ordnung. Macht euch keine Sorgen um uns. Ich wende mich an die Bürokraten des Staates: Dieses Problem lässt sich mit Waffen, mit Krieg nicht regeln. Man muss sich hinsetzen und menschliche Entscheidungen treffen. Ich möchte in der Türkei mit allen geschwisterlich leben. Ich will nicht, dass anderen zugefügt wird, was wir nicht wollen, das es uns zugefügt wird. Uns geht es gut. Sie sind gastfreundlich, hilfsbereit. Alles andere bleibt dem Staat überlassen.“  und Ramazan Yüce, ein anderer Soldat aus Mardin stammend, gab an: „Sie verhalten sich wie Geschwister. Nicht so, wie es uns erzählt worden ist. Wir haben die Realität gesehen. Mit Gottes Hilfe werden wir zurückkommen. Wir richten uns insbesondere an die Großen im Staat: Das Problem lässt sich nicht mit Waffen lösen. Weder die Mütter von Soldaten noch die der Guerilla sollen weiter weinen. Soll Erdoğan kommen und sehen, was das Militär ist. Ich richte mich auch an den Bataillonskommandanten, der uns nicht nachgekommen ist. Wenn er uns keine Unterstützung geschickt hat, werde ich mich soweit wie möglich von der türkischen Armee entfernen.“

 

Die Reaktion der türkischen Armee war zu dieser Zeit ein Schweigen, es wurde weder darüber berichtet noch wurde eine Freilassung dieser Soldaten gefordert. Unterdessen schalteten sich verschiedene Personen mit der Bitte ein, man möge den Gefangenen doch die Freiheit schenken. Nachdem aber die türkische Armee die Kampfhandlungen nicht einstellte, wurde eine Übergabe der Soldaten erschwert. Schließlich trat die prokurdische Partei DTP ins Rampenlicht und versuchte zu vermitteln, was ihnen auch gelang. Am Ende geleiteten sie die acht Soldaten zurück auf nichtumkämpftes Gebiet. Die freigelassenen Soldaten wurden zunächst mit einem US-Militärhubschrauber nach Diyarbakir gebracht und von dort aus direkt zum Verhör nach Ankara.

 

Die Freunde der Soldaten über ihre Freilassung wehrte nicht lange. Bereits einen Tag später kündigte der Oberste Gerichtshof der Türkei an, die acht freigelassenen Soldaten auf die Anklagebank zu bringen. Bereits beim Eintreffen der Soldaten wurden diese durch das türkische Militär in Gewahrsam genommen. Nun sollten sie sogar verurteilt werden. Der Grund der Anklage war genau so lächerlich wie die gesamte Situation: Die acht Soldaten hatten gegen das türkische Gesetz verstoßen, in dem sie eine Gefangennahme ihrer Person zuließen und nicht bis zum Tode sich verteidigten. Viele hohe Armeeangehörige waren über das Überleben der Soldaten ebenso empört und ihnen folgten auch die Mehrheit der türkischen Bevölkerung. Doch es gab auch die Gegenseite, vor allem türkische Intellektuelle, die über diese Strategie ihre Empörung öffentlich machten. Auch die Angehörigen der freigekommenen Soldaten waren über dieses Verhalten empört.

 

Ebenso wurde die DTP angegriffen, denen vorgeworfen wurde, mit der PKK gemeinsame Sache zu machen. So ließ der türkische Verteidigungsminister Cemil Cicek verlauten, dass die acht Soldaten wohl auch ohne der Hilfe der DTP-Abgeordneten frei gekommen wären. Auch Mitglieder der Regierungspartei der AKP und Mitglieder der im Parlament vertretenen Parteien, wie der MHP und CHP, warfen der prokurdischen Partei Zusammenarbeit mit den sogenannten Terroristen vor.

 

14 Tage nach der Verhaftung der acht Soldaten wurde sogar bekannt gegeben, dass den Soldaten einen lebenslange Freiheitsstrafe drohen könne, denn ihre Anklage lautete unterdessen auf Vaterlandsverrat.  In Einzelverhören wurden sie immer wieder durch den Militärstaatsanwalt befragt, ob sie eventuell wichtige Informationen an die PKK weitergaben.

 

Unterdessen verhängte das türkische Militär über diese Ereignisse eine Nachrichtensperre, da die Welle der Empörung nicht nur im Inland hochschlug und unterdessen auch gegen das türkische Militär Beschuldigungen ausgesprochen wurden. So gab der Militärrichter Ümüt Kardaş zu verstehen, dass die Beschuldigungen wohl „hochgespielt“ seien, und man eventuell auch Fehler des Militärs, wie ungenügende Ausbildung und fehlende Ausrüstung der türkischen Soldaten, überdecken will.

Am 1. Februar 2008 begannen schließlich die Verhandlungen gegen die acht Soldaten am Militärgericht in Van, die bis heute (März 2008) andauern. Die Soldaten sind jedoch momentan auf freiem Fuß, durften nach Hause gehen oder ihren Militärdienst weiterleisten.


Quelle: kurdica-Archiv: Gefangenname der acht türkischen Soldaten

 

 


Die Gefangennahme acht türkischer Soldaten und ihre Folgen

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