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Diaspora: Die Kurden in Khorasan
Geschrieben am Montag, 14. September 2015 von Baran Ruciyar

Diaspora

Die kurdische Koexistenz in Nord-Khorasan umfasst mehr als 1.5 Mio. Menschen.

Nord-Khorasan ist das Nadelöhr der bewegten Geschichte der Völker Innerasiens und des Vorderen Orients. Sowohl in der islamischen Geschichte, als auch in der iranischen bzw. zarathustrischen Mythologie wird Khorasan, Land der aufgehenden Sonne, einen besonderen Stellenwert zugesprochen. Östlich begrenzt vom dem gewaltigen Elbruz-Gebirge, das sich bis zum Kaspischen Meer hinzieht, und den Weg Richtung Persien und Gilan versperrt. Den südlichen Pfeiler bildet die unpassierbare Schlammwüste Dashta-Kawir, und der einzige Weg an ihr vorbei führt durch die Wüste Lut. Alle Eroberer der Antike; sowohl Griechen als auch arabischen Islamisierungszüge und auch Mongolen – mussten entlang des schmalen Saumes zwischen Gebirge und Wüste ziehen, um Khorosan und die östlich liegenden Gebiete zu erreichen.

In diesem Teil Irans leben seit Jahrhunderten Kurden, welche von den Erstbesatzern Kurdistans dahin umgesiedelt wurden. In europäischen und orientalischen Geschichtswerken und Reiseberichten finden sich Hinweise auf die Kurden Khorasans. Nach Gonzales de Calvio soll es schon um 1404 Kurden im Gebiet Khorasans gegeben haben. Er beobachtete in der Nähe von Zabrain 400 schwarze Zelte, in welchen ein Kurdenstamme lebte, welche Tausende von Kilometern vom ihrer Stammland im Grenzbereich des heutigen Länderdreiecks Iran - Türkei – Irak entfernt, spätestens seit Shah Ismail I. zu Beginn des 16. Jahrhunderts, nach in das 1.500 bis 2.000 km entfernte Grenzgebiet nördlich von Mashhad nahe der turkmenischen Steppe verlagert wurden.

 

Dem niederländischen Kurdologen Martin van Bruinessen nach handelt es sich bei den Kurden in Khorasan um Çemîşgezek-Kurden, mit ihren speziellen Traditionen, Religion, Sprache und Lebensart, welche einst in heutigen Dêrsim und Serhed beheimatet waren. Ebenso muss die Şadlu(Şadiyan)-Stammeskonföderation der Kaukasus-Kurden erwähnt werden. Ihr Hauptsiedlungsgebiet war einst das Rote Kurdistan im heutigen Berg-Karabach. Nachfahren von jene Kurden, die auch die erste kurdischen Dynastie „Şeddadî“ im 10. Jahrhundert gründeten. Die Stämme der Şadlu Konföderation werden in safavidischen Ära auch als „die 24iger“ (yirmidörtlu) genannt. Wahrscheinlich weil 24 Stämmen auf einmal auswandern mussten.

 

Shah Ismail I (1502-1524) hat den nach langen Kriegen zersplitterten Iran im Zeichen des schiitischen Islams geeinigt und den schiitischen Glauben als Staatsreligion manifestiert. Das Neugegründete Reich übernimmt neben den alten sassanidischen Traditionen auch die von Feinde im Osten und Westen. Von Zentralasien führen Usbeken und Mongolen immer wieder Raubzüge nach Ostiran (Khorasan), was Shah dazu bringt die Kurdischen Stämme in diesem Gebiet gegen die „Tyrannen“ einzusetzen. 1522–23 versetzte Shah Ismail 4 000 Çemişgezek-Kurden aus Erzirum sowie die Qaramanlu und die Sirukanlu aus dem südlichen Gebiet des Van-Sees unter der Führung von Dairan Bag Qaramanlu als Front gegen die Usbeken in den Khorasan. Aber auch viele der Kurdenstämme aus dem Gebiet Irak und Aserbaidschan wurden nach Khorasan umgesiedelt. Durch die erneute Besetzung von weiten Teilen von Transkaukasien, Iranisch Kurdistan sowie weite Teile Aserbaidschans im Jahr 1585 wurde der Lebensraum der pro-iranischen Kurden eingeengt. Sie wurden ins Landesinnere abgetrieben. Shah Abbas stellte fruchtbares Gebiet in Varamin in der Nähe von Teheran zur Verfügung.

 

Während dessen steht im Westen das Osmanische Reich auf dem Höhepunkt seiner Macht. Immer wieder greifen die sunnitischen Osmanen den Iran vom Westen her an, während die iranischen Truppen im Osten in Kämpfe verwickelt sind. Es ist der Beginn eines langen und blutigen Krieges zwischen dem schiitischen Iran und dem sunnitischen Osmanischen Reich, das bis zur Regentschaft Schah Abbas I (1587-1629) des Grossen andauerte - und im Folge dessen die Kurden immer wieder ungewollt in politische und religiöse Auseinandersetzungen hineingezogen werden. Mit furchtbare Folgen für das kurdische Volk. Die dem Schiitentum zugeneigten Kurden wurden durch die osmanische Besetzung  der aserbaidschanischen Gebiete und des heutigen Nordkurdistans von den sunnitischen Osmanen verfolgt und in den iranischen Raum abgedrängt.

Unter Shah Abbas wurden noch mal 1601 ca. 30 000 Familien nach Khorasan umgesiedelt. Ohne die Kurden Khorasans wären die großen militärischen Erfolge von Nadir Shah unvorstellbar. Durch den Einsatz der kriegerischen Kurdenstämme gegen die Mongolen wird die Armee des Shahs von größeren Einsätzen im Osten von einer größeren Last befreit. Als Gegenleistung hatte Shah Abbas die im Khorasan ansässigen Kurden wegen ihrer Treue zum ihm bis auf weiteres von Abgaben befreit und gab ihnen hohe Positionen und Posten.

Zeitgeschichte schrieb Nadir Shah, als er 1738 das moghulische Indien überfiel und berühmte Schätze wie den Pfauenthron in persischen Besitz brachte. Wegen maßlosen Steuerforderungen rebellierten 1747 die Kurden Khorasans. Nadir Shah wurde bei einer Belagerung durch ranghöchste Afscharen und Kadjaren ermordet. 1796 übernahm die Kadjaren-Dynastie die Herrschaft über Persien. Der Stammesführer der Çemîşgezek-Kurden legte sich bald mit Fath Ali Shah an. Dieser musste 15 000 Soldaten samt Artillerie und englischen Militärberatern aufbieten, um 8000 kurdische Khorasan- Krieger in Schach zu halten.

In den folgenden hundert Jahren stand die Region unter keinem guten Stern. Zwischen 1825 bis 1828 litt die kurdische Bevölkerung stark unter turkmenischen Raubüberfällen. 1868 und 1892 wütete die Cholera. 1871/72 traf eine Hungersnot diese Provinz. 1880 wurde die russische Grenze geschlossen. Die besten der traditionellen Winterweiden lagen jenseits der noch heute gültigen und im Jahr 1888 festgelegten Grenze.

 

Spätestens mit der russischen Revolution mussten einige Nomadenstämme neue Winterweiden suchen. Bis 1900 haben die Khorasan-Kurden ihren Bevölkerungsstand mit Mühe auf dem Niveau gehalten, das sie 300 oder 400 Jahre zuvor zur Zeit ihrer Einwanderung aufwiesen. 1926 bestimmten in den Ländern Türkei, Iran und Afghanistan die führenden Persönlichkeiten Kemal Pascha (Atatürk), Reza Shah und Amanullah als eifrige «Europäisierer» die Geschicke ihrer Länder. 1936 erzwang Reza Shah die Nomaden Nord-Khorasans zur Sesshaftigkeit. Er ließ zuerst die Khane und ihre Stämme entwaffnen und in einem zweiten Schritt wurde die Stammesaristokratie eliminiert und das Nomadentum als anachronistischer Schandfleck gebrandmarkt. Den Kurden zerstörte man die Zelte, um sie so zu zwingen, sesshaft zu werden. Nach dem 2. Weltkrieg wechselte jedoch die Situation, als Schah Reza von den Engländern und den Russen entmachtet und durch seinen Sohn Mohammed Reza (1941–1979) ersetzt wurde. Als die Zentralregierung geschwächt war, nutzten die Kurden Khorasans wie auch andere Stämme die Gelegenheit, ihre traditionelle Lebensweise wieder aufzunehmen, welche sie in den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts durch Schah Reza aufzugeben gezwungen waren.

Noch 1979 zählte Papoli-Yazdi 16 Nomadenstämme. Die wichtigsten unter ihnen:

 

Topkanlu 83 Lager
Bravanlu 60 Lager
Qaramanlu 44 Lager
Varanlu 35 Lager
Bajkanlu 31 Lager
Malvanlu 28 Lager
Radkanlu 20 Lager


Heute leben vermutlich mehr als 2 Mio. Kurden in Khorasan. Auch sie sind dem gleichen Schicksal wie ihre Volksleute in Kurdistan ausgesetzt. Persien ist nicht daran interessiert, die kurdische Kultur in Khorosan am Leben zu erhalten, im Gegensatz wird versucht die Kurden dort schnellstmöglich zu assimilieren und ihre Kultur zu vernichten, sie zu entwurzeln.


Siedlungsgebiete

Der äußerste Nordosten des Irans, der Khorasangraben mit seinen Randgebieten, ist das heutige Siedlungsgebiet der Kurden Khorasans. Im Norden wird das Gebiet durch die ca. 600 km lange Grenze zu Turkmenistan abgegrenzt; im Nordwesten bis zum Grenzübertritt des Flusses Atrek nach Turkmenistan in der Nähe von Hot Tan. Im Osten bildet die Linie Nishabur–Mesched die Grenze des Siedlungsgebietes. Die Fläche liegt etwa bei 60 000 km2. Das Gebirge verläuft in Richtung Nordwest nach Südost. Die höchsten Gebirgszüge nördlich des Atrek sind der Kopet Dag (2940 m), der Allahu Akbar (2620 m) und der Hezar Masjed (3200 m), südlich des Atrek der Allah Dagh (2800 m) sowie, als höchster von allen, der Binalud (3410 m). In dieser Gebirgswelt liegen in einer Höhe von 1800 –2500 m die Sommerweiden der Nomaden. Die Senken, die meisten im Bereich der Turkmenischen Grenze, werden als Winterquartiere genutzt. Die Städte in denen die Kurden, die Mehrheit darstellen sind: Kelat, Nişabur, Çinaran, Deregez, Aşxane, Qoçan, Şîrvan, Bojnurd auch in Maschhad, Sebzivar und Esferayn sind beträchtlich kurdische Minderheiten beheimatet.

 

 

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Wohnsitz von Yar Mohammad Xan Schadlou (derzeit Krankenhaus der Stadt Bojnourd)

 

 

Die soziale Ordnung der Kurden Khorasans

 

 

 

 

 

 

Die Stammeskonföderation ist die höchste Instanz. An deren Spitze steht der Ilkhan (tr: Stadtfürst). Die bekanntesten Stammeskonföderationen sind die Zafaranlu (Çemîşgezek) und die Shadlu (Şadiyan). Die Ilkhane hatten ein ständiges Reiterheer von rund 1000 Mann. Dieses stehende Heer verlieh ihnen Macht, oft auch in der Geschichte gegen die iranische Zentralregierung.


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Yar Mohammad Khan Schadlou, Ilkhan von Bojnourd, Foto von C. E. Yate, 1894.

Bojnurd (Neynikxane) in dem sie heute noch die Mehrheit darstellen, ist eine Stadt, die von dem Şadîyan (Şadlu) Stamm gegründet, und lange von dem Stamm verwaltet wurde. Sie wurde durch so genannte Ilkhani von den Kurden verwaltet - eine Dynastie, die 1925 mit der Hinrichtung  von Serdar Azîzûllah Xan Şadîlu durch die persische Zentralmacht, sein Ende fand.


Kurdische Stämme in Khorosan

Zafranlu (Çemîşgezek) Konföderation
(Die Çemîşgezekstämme leben in der Region zwischen dem Iran und Turkmenistan. (sunnitisch mehrheitlich aber es gibt auch Aleviten und Schiiten.)
Omerlu (Omerî) (ein sehr großer Stamm)
Amiran
Bakran
Bachvan
Badelan
Berivan oder Brikan (es ist möglich, sie mit dem Stamm Brukan in Verbindung zu bringen, sprechen Leki und sind Yarsan.)
Buruka´î (sind mit dem in Ostkurdistan beheimatete Brukanstamm verwandt und sprechen Soranî. Sie sind Sunniten)
Gawliyan (ein sehr großer Stamm, Sunniten.)
Îzolî
Hadhaban
Hevadan (sprechen Kurmanci und sind Yeziden)
Îzan
Celalî
Keykan
Kowa
Kuxban
Mîlan
Muzdixan
Paluvan
Feylî (Leki Sprecher, schiitisch)
Palukan
Qarakochlu (Kurmanci, Sunnitische und Schiitisch)
Qaraman (Kurmanci, Sunniten und Schiiten)
Qachkan
Rewanşir (Kurmanci, Sunnitisch und Schiitisch)
Rutakan
Şeran
Şêxan
Şamlu (Kurmanci, Sunnitisch und Schiitisch)
Silseporan
Sivekan (oder Siwereg, Sprechen Kirmancki und sind Aleviten)
Sufiyan
Topkan (ein sehr großer Stamm, sprechen Kurmanci und sind Schiiten und Sunni)
Veran
Zadyan

Şadlu (Şadîyan) Konföderation
(Dieser Konföderation lebt in Südwest-Khorasan.)
Alan
Bughan
Dirqan
Garivan
Gurdan
Inran
Caban (Möglich das es sich um Caff handeln kann (Kurmanci, sunnitisch und schiitisch)
Juyan
Kaghan
Mitran
Qilichan (Kilicli auch in Pazarcik lebend)
Qarabaşlu
Qupran (sunnitisch und schiitisch)

Konföderationslose Stämme
Lek (sprechen Leki und sind Yarsan)
Qarakoclu
Zand (sprechen Kelhuri und sind Yarsan)



Sprache

In Khorasan werden drei Dialekte des Kurdischem gesprochen, nämlich: Kurmancî, was auch am meisten unter den Khorasanî – Kurden verbreitet ist. Das Kurmancî aus Khorasan kennt keine Unterteilungen, regionale Eigenheiten sind gering und höchstens durch den Einfluss benachbarter Sprachen verursacht, welche die Kurden jeweils als Zweitsprache beherrschen.

 

So ist die Sprache der Kurden nördlich von Bojnourd und Qochan türkisiert. Das geht soweit, dass die Kurden in Bojnurd und Qochan fast nur Türkisch sprechen. Bei fast allen Kurdenstämmen Khorasans enden die Stammesnamen mit dem Suffix "lu", was in der türkischen Sprache ein Verwandtschaftsverhältnis angibt. Der südliche Raum, wie Esfarayen, Nischabur und zwischen Qochan und Maschhad ist stark vom ländlichen Persisch (Farsi) beeinflusst. Weiter nördlich an der Grenze zwischen dem Iran und Turkmenistan wird auch das Soranî von einigen Stämmen gesprochen - der nordöstlich von Maschhad beheimateter Stamm der Lek spricht dagegen Lekî.

Der regionale Radiosender von Nordkhorasan sendet am Tag eine Stunde in kurdischer Sprache, mit jenem Dialekt, der durch Jahrhunderte langer Assimilationspolitik der Perser zu 40% aus Persisch besteht.


Religion

Der überwiegende Teil der Kurden in ihrem Stammland, dem heutigen Länderdreieck Iran - Irak - Türkei, ist sunnitisch. Ganz anderes verhält es sich mit den Kurden Khorasans: Sie sind mehrheitlich Schiiten. Es gibt keine konkreten geschichtlichen Hinweise, aber indirekte Anspielungen, die vermuten lassen, dass der überwiegende Teil der nach Khorasan abgewanderten Kurden bereits im 16. Jh. schiitisch gewesen ist. Der Shiitismus in Khorosan weicht sehr von üblichem Schiitismus ab, auch die Praktizierung der Alevismus in Khorasan hat eine andere Form angenommen, der ebenfalls stark vom Alevismus in Kurdistan abweicht.


Die dem Schiismus und Alevismus zuneigenden Kurden in Kurdistan sind zuerst von den sunnitischen Aqqoyunlu (eine Konföderation kurdischer und turkmenischer Stämmen) und später von den Osmanen verfolgt und in den iranischen Raum abgedrängt worden.

 

Izady nach ist die religiöse Komposition der Khorasan Kurden, folgendermaßen:

 

17% Sunniten, 68% Schiiten, 4% Aleviten, 2% Yarsan, 1% Yeziden.

 

 


Quellen: Shoresh Reshî: Horosan kimin yurdu? in: Özgür Politika 28.06.2004.  Mehmet Bayrak: Alevilik ve Kürtler 1994. Faik Bulut: Horosan Kimin Yurdu 1996 Prof. Dr. M. R. Izady: The Kurds, 1992. Martin van Bruinessen: Aga, Şeyh ve Devlet: Kürdistanin Sosyal ve Politik Örgütlenmesi 2003. Kordi, die Kurden Chorasans, in: torba 1/99.  http://www.shadlou-kurden.com-/ (letzter Besuch: 06.06.07)


Die Kurden in Khorasan

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