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Allgemeine Geschichte: Die Lek (Lak)
Geschrieben am Freitag, 30. Oktober 2009 von Baran Ruciyar

Herrschaftsstrukturen

Das Ethikon „Lek“ bezeichnet laut Minorsky die südliche Gruppe der Kurdenstämme in Südkurdistan1. Andere wiederum fassen die Lekstämmen als eine ethnolinguistische Gruppe zusammen. Die Lek sind größtenteils strikt endogame Nomaden und Seminomaden. Manchmal legen sie große Strecken zwischen ihren Kişlak (Winterquartier) und Yaylak (Sommerquartier) hin. So berichtet z.B. Hajezian von einer Nomadengruppe der Lek, denen er unterwegs in Luristan begegnet war, dass das Kişlak dieser Tireh in der Nähe von Andimeschk in der Provinz Khuzestan und das Yaylak-Gebiet in der Nähe von Tuisarkan in der Provinz Harmadan, liege. Diese Nomadenfamilien sei zwei Monate lang unterwegs, bis sie im Sommerlager ankommen.



1. Etymologie

Laut Zain al-Abidin ist der Name Lek (Läk, oft Läkk oder Leq) auf das persische Wort „läk“ („100 000“) zurückzuführen, denn ursprünglich soll dies die Anzahl der Lek-Familien gewesen sein, die in das heutige Lekistan angesiedelt wurden.


2. Anzahl und Verbreitung


                                               (Lekîsprachgebiet in Luristan)


Die Lek sind gegenwärtig in der Gegend von HamadânNahawandTusirkân, Nurâbâd, Ilam, Gelân und Pahla, sowie in den Bezirken Nordluristan; Horru, SelaselaSilaxur und Nordalishtar, einem Gebiet, das man "Lekistan" nennt, beheimatet. Es gibt auch Lek-Kolonien in Khorasan bis zu dem Mittelmeerraum. Bei der Khorasani Enklave (weiter südwärts von Birjand) handelt es sich um die Zand und Lek Stämme, die dorthin deportiert wurden. Außerdem bewohnen sie auch Teile von Aserbaidschan, der Elburz-Berge, des kaspischen Küstengebietes und Teile vom Gebirgsland zwischen Qum und Kâshân. Auch in Nordkurdistan und in der Türkei tauchen verstreut kleine Enklaven der Lek auf. So z. B in der Region zwischen Adiyaman und dem Ceyhan Fluss, im weiten westlichen Kurdistan und in Ankara, Sakarya, Çorum, Erzirom, Qers, Agirî und Wan ist ein Stamm der Lek beheimatet, die Şêx Bizinî genannt werden. Wobei die Lek aus Adana selbst ihren Ursprung in Turkestan sehen.

Es gibt auch viele kurdische Stämme, die Lek genannt werden, einer von ihnen ist nördlich vom Urmiyesee sesshaft, deren Siedlungsgebiete ebenfalls "Lekistan" genannt wird.


Eine Schätzung der Lekîbevölkerung ist nur anhand der Clanverteilungen möglich; Schindler spricht den Lek und den Kurden 135 000 nomadische Familien zu; Robino erwähnt folgende Lekstämmen: Silsila (9 000 Familien), Dilfan (7 400), Tirhan-Amrayî (1 582), Biranevend (6 000) sowie Delvend (1000), die eigentlich einen Teil der Bala-Gariva-Gruppe der Luren bildeten. Im Ganzen handelte es sich laut Minorsky um 15 000 Zelten. Hinzu kommen die bei Robino nicht erwähnten Lekstämmen in Pişe Kuh; Zand, Kelhur, Amalah, Tirkeşvend, Comur, Raşvend etc.. Deren Bevölkerungszahl heute sicherlich über einer Mio. liegen dürfte. Folglich sprechen die aktuellen Quellen von ca. 1 bis 1,5 Mio. Lek.


3. Geschichte

Über die Ankunft der Lek im nördlichen Bereich Luristans geben die vorhandenen Quellen unterschiedliche Meinungen wieder. Der allgemein gültige, doch sehr zwielichtige These nach wären die Lek aus dem nördlichen Gebieten, in das heutige Lekistan angesiedelt. So behauptet zum Beispiel Minorsky, dass die Lek von dem persischen Schah zu Beginn des 16. Jahrhunderts nach Luristan gebeten wurden, den Wali von Luristan gegen die lokalen Stämme, die gerade ihren Aufstand probten, zu unterstützen. Im Sherefname werden die Lek (auch die Zand und Zengene) unter den Kurdenstämmen der Gûrangruppe, d.h.Kurden zweites Grades, aufgezählt. Andere Quellen hingegen geben an, dass die Lek aus Fars in den Norden, in ihrem heutigen Siedlungsgebiet, immigriert sind2.

Diese Stammesgruppe hat eine wichtige Rolle in der Geschichte des Iran gespielt – da aus ihr die Dynastie der Zand hervorgegangen ist. Den Zand gehörte auch Karim Khan Zandan, der in dem Dorf Päriyä - heute Perî - ungefähr 30 km von Dewletabad an der Straße nach Sultanabad geboren wurden. Mitte des 18. Jahrhunderts gelang es ihm als ein General der persischen Armee nach der Ermordung von Nadir Schah, die Machtkämpfe in Persien zu seinen Gunsten zu entscheiden. Karim krönte Schiraz zu seiner Hauptstadt und holte zur Verstärkung einige kurdische Stämme nach Südpersien – einige wiederum wurden in verschiedenen Grenzgebieten gegen die turkmenischen Überfälle angesiedelt. Vor allem waren das die Lekstämme der BiranewendKekevendZengene, Zand, Kurdshuli, Lekkurdî etc., die in seinem Reich eine zentrale Rolle gegen die aufständischen Turkstämme der Kadjaren und Afschariden spielten.


4. Identität

Viele Kurdologen, wie M. E. Zekî Beg betrachten die Lek als (Kleinluren) einen Zweig der Luren und behaupten, dass die Lek und die Luren früher eine ethnische Einheit bildeten; während die Luren durch persische Assimilation „persifiziert“ wurden, konnten die Lek ihr „Kurdischsein“ bewahren3. In diesem Zusammenhang verweist Minorsky (ebenda.) auf „somatische“ und ethnische Ähnlichkeiten zwischen den Lek und Luren, die ihrerseits in den Lek ein Restvolk sehen, eine autochthone Volksgruppe, sich selbst halten sie für Immigranten, so dass man leicht einen Unterschied zwischen ihnen und den Lek machen kann/sollte4: Der Grund hierfür liegt eigentlich auf der Hand, die Luren wollen keine Lek, d.h. sie wollen keine Kurden sein5. In diesem Kontext verweist Kunke auf Napier, der besagt, dass die Luren die Kurden allgemein „Lek“ nennen6.


Izady stellt mit der kollektiven „Gûranî“-Identität der Yaresanîbevölkerung noch eine andere These auf. Demnach seien die Lek ein weiterer ethnisch-religiöser Zweig der Gûranî-Kurden7. Ihm nach hätten sich die Lek ständig zu den Kurden hingezogen „gefühlt und sich mit ihnen schließlich auch fest verbunden, aber auch mit ihrer benachbarten ethnischen Gruppe, den Luren“. Momentan ist eine Annäherung der Lek hin zur lurischen Kultur zu beobachten (ebenda.). „Dieser Prozess ist heute ein lebendes Beispiel der Dynamik, welches sich durch das gesamte Südzagros zieht. Eine ethnische Metamorphose - die Luren gleichen sich langsam den Persern an und die Lek passen sich ihnen an. Die Assimilation der Luren in Richtung persische Kultur und Sprache hätte vor allem die Religion als Grund, denn mit dem Bekennen der Luren zum Safavidischen-Orden begann die sprachliche Assimilation der Luren, deren Sprache heute zu einer persischen Dialektgruppe zugerechnet werden kann.“8 Allerdings verwendet Izady den Terminus „Lek“ zu unspezifisch, so dass es sachdienlich ist, hier anderen Quellen heranzuziehen. Anonby, der die Sprache der Lek der NW-iranischen Sprachzweig zuordnet, wobei die der Luren der SW-Sprachgruppe angehört, betont die „lurische“ Identität der Lek. Die Lek seien „auch wenn ihre Sprache nicht der lurischen Dialektcluster angehöre, ethnisch Luren“9

Der erste ethnische Abbau in Lekistan geschah bereits im 18. Jahrhundert durch Karim Khan Zand, der seinen eigenen Stamm spaltete, indem er viele in andere Regionen sendete, um sie gegen Feinde einzusetzen. Da diese Lek sich schließlich an den anderen Orten niederließen, wurde damit auch die Stammeskonföderation, die für eine feudale Gesellschaft von äußerster Relevanz ist, zerstört. Dies hatte zur Folge, dass viele der dort verbliebenen Lek sich den Stammeskonföderationen der Luren anschlossen und mit ihnen zusammenwuchsen. Hajezian berichtet von einem Lek Lineage, das sich als lurisch deklariert: „Bei meiner Befragung vor Ort bekannten sich die Lak-Nomaden zu den Lur-Stämmen. Als Beispiel: die Tireh „Rahmati“, die sich auf der Strecke zwischen Khorramabad und Dezful im April während ihrer Wanderung besucht habe, nannten sich ‚Lure-e Lak’ (lurische Lek).“ Izady erklärt das Phänomen durch die Massenkonvertierung der yarsanistischen Bevölkerung zum Schiitismus. Immer mehr Lek würden zum Schiitismus konvertieren, und sich dem schiitischen Mainstream in Luristan eingliedern, was eine Assimilation der Lek in Richtung lurischer Kultur zufolge hätte.

Die Lek-Gesellschaft selbst spiegelt dieses Dilemma am besten wider. So erkennen die gebildeten Lek, dass die durch ihre Eltern mitgegebene „lurische“ Identität einen Fehler hat. Während die bäuerlichen Lek sich immer mehr mit der lurischen oder kurdischen Identität identifizieren, sehen sich die gebildeten Lek als eigenständiges Volk.



6. Sprache

Die Lek sprechen eine Sprache, die sowohl von ihnen als auch von ihren Nachbarn “Lekî“ - die Sprache der Lek genannt wird. Lekî ist eine nordwestiranische Sprache, die sehr eng mit Kelhûrî verwandt ist. Lekî gilt als Übergangsform zwischen Lurî und Kelhûrî.

Die Sprache zerfällt in zwei Dialekten: Pişe Kuh-Lekî ist die Muttersprache eines signifikanten Anteils der Provinz Luristan. Die Sprecher bilden ungefähr ein Viertel der Gesamtbevölkerung der Provinz und wird hauptsächlich in Pişe Kuh aber auch in einigen Städten in den angrenzenden Regionen Ilam, Kermanshan, Hamadan und teilweise in Markaz und Qazvin Provinzen, gesprochen. Pişte Kuh-Lekî wird in Ilam und Kirmaşan gesprochen.

Die Lek sind meist multilingual, neben ihrer Muttersprache beherrschen die meisten auch Persisch und Luri.


7. Religion

Die Lek bekennen sich von der Mehrzahl her zum Yarsanismus. Eine Ausnahme stellen hier die Feylî, die sich ausnahmslos zum Schi´ismus bekennen. Auch in Pişe Kuh ist es nicht anders, die Lek sind dort anscheinend ausnahmslos Anhänger des Yarsanismus. Einige heilige Städte der Yarsans befinden sich in Pişe Kuh, die vom Stamm der Papî beschützt werden.


 


Quellen:Eberhard. W. und R. Mercer Dorson: Minstrel tales from southeastern Turkey. Manchester, 1980. Izady, M.R.: The Kurds. Washington 1992. Minorsky, Vladimir: »Lak.« In: The Encyclopaedia of Islam 1 und New edition, vol. 5: Khe–Mahi. Leiden: Brill 1986, pp. 616-17. ders: »Lur.« In: The Encyclopaedia of Islam. New edition, vol. 5: Khe–Mahi. Leiden: Brill, pp. 821-6. E. J. Enonby, Kurdish or Luri? Laki’s disputed identity in the Luristan province of Iran IN: Kurdische Studien 4. + 5. Jahrgang (2004/2005). Mihemed Emîn Zekî Beg; Diroka Kurd û Kurdistan. Berlin 1996. Kunke, Mariana: Nomadenstämme in Persien im 18. und 19. Jahrhundert. Berlin 1991. Grothe, Hugo: Bevölkerungselemente Persiens. IN: Orientalisches Archiv 1.1., Leipzig, 1910, S. 18-25. Houtum-Schindler: Reisen im Südwestlichen Persien, Z. d. G. f. E. XIV. Bd., S. 81 ff.. Albert Socin: Die Sprache der Kurden , in : Grundriss der Iranischen Philologie, herausgegeben von Geiger Kuhn, 1901, Erste Band, s. 249-286. Hejazian, R.: Nomaden im Iran. Dokumentation nomadische Kelims und Teppiche. Berlin 1999. Encyclopeadia of Orient: Laki & Laks. Towfîk, F.: Asayer, in: EncIr.

 

 


1Minorsky; 816

2Vgl. „Sencabî“ dieser Stamm soll ursprünglich in Fars beheimatet gewesen sein (Groethe; 18-25).

3Exemplarisch könnte man hierfür den Zekî Beg, M.; 324 ff. heranziehen.
 

4Houtum-Schindler; 88

5So ungefähr A. Socin; 249

6Kunke; 78 f.

7Izady;174 ff.

8Vgl. bei Izady „Integration & Assimilation.

9Enonby (b); 183 ff.


Die Lek (Lak)

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