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Allgemeine Geschichte: Die Reswan-Konföderation in Syrisch-Kurdistan
Geschrieben am Sonntag, 03. Oktober 2010 von Baran Ruciyar

Herrschaftsstrukturen Vortrag von S. Winter schreibt:

Im 18. Jh. werden die Reswan so häufig wie keine zweite Volksgruppe angeführt, ihre regionale Herkunft und ihre administrative Zuordnung sind jedoch ungewiss und sie wurden bisher auch kaum in der Forschung berücksichtigt.

Necdet Sakaoglu zufolge waren die Reswan gar keine wahre Volksgruppe, vielmehr handele es sich um einen Sammelbegriff für zahlreiche Nomadenstämme, die jährlich zwischen Nordsyrien und Anatolien umherzogen.1 Andererseits erkannten die osmanische Behörden die Reswan doch als eigenständige Steuerpacht bzw. Woiwodschaft an und unterschieden auch deutlich zwischen den nomadischen (göçer) und fest angesiedelten (yerlü) Clans. Eine mögliche Erklärung bietet der Vergleich mit der turkmenischen Boz Ulus ("Grau-Konföderation"), die der osmanische Staat ursprünglich selbst als Verwaltungsund Steuereinheit kreiert hatte. Bis ins frühe 16. Jh. gab es parallel dazu eine kurdische Kara Ulus ("Schwarz-Konföderation") in Südost-Anatolien,2 die jedoch in späteren Akten nicht mehr erwähnt wird. Es ist denkbar, dass die Reswan, deren Name auf Kurdisch "die Schwarzen" bedeuten kann, in verschiedenen Lokalitäten im 18. Jh. die Erben oder die Überbleibsel dieses einstigen Dachverbandes osmanischer Kurden darstellten. Die Geschichte der Reswan betrifft den Kanzleiquellen nach vor allem die Provinzen Sivas, Adana und Mar‘as. Letztere zwei wurden sogar über viele Jahre von Gouverneuren aus dem Stammesgeschlecht der Resvan-zade regiert. Der Distrikt Hısn-ı Mansur (Adıyaman) im Gebiet von  Mar'as scheint eine Art Hauptsitz der Konföderation gewesen zu sein, auch wenn sich Reswan-Gruppen mit der Zeit über ganz Inneranatolien verstreuten.3 Hier war zumindest ein Teil der enormen Reswan Steuerpacht (Mukataa) situiert, deren Erlöse auch wieder an die Valide-Sultan Moscheenstiftung in Istanbul gingen. Gegenüber dem Staat wurden die einzelnen Stämme von einem Kethüda oder Präfekt vertreten. Die osmanischen Finanzbeschwerdenregister (Sikayet Defterleri), eine reiche aber bislang nur wenig gebrauchte Quelle für die Verwaltungs- und Sozialgeschichte des Reiches, zeigen ausführlich wie z. B. Ferhad-oglı Yûsuf von der Reswan-Nomadendivision und andere Kethüda in den 1690er Jahren diverse Steuerrückstände eintreiben sollten, die Zentralregierung aber auch um fairere Bedingungen ersuchen konnten.4

Solche Angelegenheiten beschäftigten oft auch die Behörden der nordsyrischen Provinzen, in denen viele Reswan-Halbnomaden ihr Winterquartier hatten. 1712 z. B. verursachte eine Gruppe von ihnen erhebliche Sachschäden im Distrikt H?arim westlich von Aleppo, in dem sie sich nicht an die vorgesehene Winterweide hielten und ihre Schafe in die Gärten und Roterübenacker eines Dorfes ließen5; andere Male sollte der Aleppo-Gouverneur überfällige Steuern eintreiben oder auf eine Bitte der Reswan hin aufrührerische Mitglieder ihres eigenen Stammes nach Zypern deportieren.6 Manche Gruppen ließen sich auch längerfristig in Syrien nieder. Ein Eintrag in den Gerichtsakten von Tripoli bezeugt, dass 1741 drei Oberhäupter der Reswan-Kurden das Recht beantragten, mit insgesamt 600 Familien im ‘Akkar Distrikt zu siedeln. Ihnen wurde daraufhin ein genau abgegrenztes Wohn- und Weidegebiet zugewiesen, für das sie einen festen Zins zu entrichten und den Landfrieden zu wahren hatten.7 Wenige Jahre später wurde dieses Arrangement zum Teil wieder von der Hohen Pforte außer Kraft gesetzt, als sich der Inhaber der pauschalen Reswan-Steuerpacht über die fehlenden Beiträge der nach Tripoli abgewanderten Stämme beschwerte.8 

Das wichtigste Migrationsgebiet der Reswan im 18. Jh. war jedoch das Eyalet Raqqa. Wie die Qiliçlo, die Millî und unzählbare andere Kurden- und Turkmenenstämme wurden die Reswan im Rahmen der osmanischen skan-Politik ab 1691 immer wieder mit Steuervergünstigungen oder als Strafmaßnahme zur dauerhaften Siedlung in die Wüstenprovinz verwiesen. Das Ausmaß und die Folgen dieser Politik sind noch weitgehend ungeklärt und bedürften gerade im Bezug auf die syrisch-kurdische Geschichte mehr Forschung. Viele Reswan und andere Stämme verließen bald wieder ihr zugewiesenes skan-Gebiet, um in den Norden zurückzukehren. Der Gouverneur von Raqqa (dessen Amtssitz generell die Stadt Urfa/Ruha war) hatte jedoch eine gewisse extraterritoriale Autorität über ‘seine’ Stämme, und wurde immer wieder beauftragt, sie auch in anderen Provinzen zu verfolgen, zu besteuern oder zurückzuholen. 1751 sollte er eine Gruppe von Reswan-"Banditen" (darunter einen ehemaligen Boy Begi) in der Region von Hısn-ı Mansur aufgreifen; nur wenige Jahre zuvor hatten die Bewohner von Hısn und Ayntab ihrerseits jedoch einen Adjutanten des Raqqa-Gouverneurs vor der Hohen Pforte angeklagt, von ihnen Geld erpresst und Schafe gestohlen zu haben.


1 Sakaoglu 1998: 37-39, 369; vgl. Noel 1920: 29-36; Ates 2003.

2 Barkan 1943: 140, 144.

3 Vgl. Ates 1992: 32-41; Erdogan 1997; Winter 2003: 66-68.

4 SD 17: 174, 271, 277; SD 18: 320, 323, 326, 329, 333, 336, 355; SD 21: 398; SD 23: 157; SD 25: 446.

5 SD 60: 264.

6 Aleppo 2: 33; Aleppo 5: 386.

7 Tripoli 7: 280-281, 283; vgl. H?ublus@ 1987: 281-283, 394-395. Es scheint aber, dass es auch schon zu Anfang des 18. Jh. Reswan-Kurden in der Provinz Tripoli gegeben hat; siehe SD 21: 58.

8 Tripoli 9: 148  

 


Quelle: WINTER, Stefan. « Die Kurden Syriens im Spiegel osmanischer Archivquellen » dans Siamend Hajo et al. (dir.), Syrien und die Kurden : Vom Osmanischen Reich bis in die Gegenwart (Münster : Unrast, 2008 ; sous presse)., übernommen aus dem Vortrag von Stefan Winter, Univ. Quebec: http://www.proche-orient.uqam.ca/

Die Reswan-Konföderation in Syrisch-Kurdistan

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