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Diaspora: Die Situation der Kurden in türkischen Metropolen
Geschrieben am Freitag, 12. Juni 2015 von Baran Ruciyar

Diaspora

Schätzungen zufolge lebt heute die Hälfte der Bevölkerung von Istanbul und Izmir in Gecekondu-Vierteln, in Ankara sind es sogar 72% (Keles: 1992, S.215). In Verbindung mit der Tatsache, dass eingesessene Istanbuler nicht in diesen Siedlungen leben und dass die Istanbuler Bevölkerung 1985 zu 60% aus Migranten bestand (Özbay 1992: 35), lässt sich schließen, dass nur einer kleinen Gruppe von Migranten die Niederlassung in einem formellen Wohnungssektor gelungen ist. Der Wechsel vom Dorf in die Stadt hat bei den meisten einen ökonomischen Grund, da auf dem Dorf die Finanzierung des täglichen Überlebens oft nicht mehr gegeben ist. Die nun diesen Schritt in die Stadt unternahmen, bauen vor allem ohne amtliche Genehmigung und auf Böden, deren Eigentümer sie nicht sind. Die Häuser entstehen schnell – über Nacht. Bis heute lebt der überwiegende Teil der kurdische Migranten in diesen so genannte Gecekondu-Vierteln, „Gecekondu" wörtlich „über Nacht gebaut". Die meiste Viertel erstanden in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre, ohne dass es Wasser, Strom, Kanalisation, Strassen oder soziale Einrichtungen gegeben hätte.

istanbul_gecekon.jpgDie Devlet Planlama Teskilati (kurz DPT 1991: 62.) geht in ihren statistischen Berichten zu den Gecekondu-Vierteln von 27% analphabetischer Frauen aus. Die Arbeitslosenrate der männlichen Gecekondu Bewohner liegt laut DPT Bericht von 1992, mindesten bei 23%, während sie bei Frauen knapp bei 90% liegt.

 

Durch Kettenmigration, also der Nachzug von Verwandten und Bekannten aus demselben Dorf oder Bezirk, kam es zur Bildung von räumlichen Einheiten, deren Einwohner dieselbe Herkunft haben. Schätzungsweise sind 60% der Slumbewohner in türkischen Metropolen kurdischer Herkunft. In diesen Vierteln, in denen die sunnitischen Kurden, meist mit sunnitische Türken aus der Schwarzmeerregion und zentralanatolischen Region in einem Viertel leben, während einige Viertel vor allem aus alevitischen Kurden bestehen, sind auch unterschiedliche politische Entwicklungen zu beobachten. So sind die kurdischen Aleviten zumeist mit der links orientiert, während die kurdischen Sunniten mit zuwachsender Mehrheit sich dem kurdischen Nationalismus nähern. Bruinessen stellt heraus, dass in der Emigration den Arbeitern ihre Verschiedenheit zur „dominanten Ethnie" und die Diskriminierung, die sie erfuhren, bewusster wurde, was zu einem Wiederaufleben des kurdischen Nationalismus führte, so ist der kurdischer Nationalismus heute in türkische Metropolen stark vertreten. Bruinessen weist auch daraufhin, dass sich die kurdischen Aleviten oft den türkischsprachigen Aleviten näher fühlen, als den sunnitische Kurden.

 

Eine Zeit lang führet die hoffnungslose Lage des Kurdenproblems einen Teil der sunnitischen Kurden im Gecekondu-Vierteln zur Unterstützung der islamitischen Refahpartei (RP). Immer wieder betonte sie, dass den Kurden ihre Menschenrechte verweigert wurden. Dies machte die RP zu einer Art „unsere Partei" für sunnitische Kurden der Gecekondu-Vierteln, während die SHP und CHP mit ihren vermeintlichen Versprechungen religiöser Gleichberechtigung die Interessen der kurdischen Aleviten, die zum Teil immer noch ihren unterdrückte religiöse Identität im Vordergrund halten, an sich rissen. Trotz einer stark politisierten kurdischen Basis hatte die RP in Wirklichkeit keine Kurdenpolitik vorzuweisen. Als dann bei den Wahlen 1994 die RP ein Wahlbündnis mit der türkisch-nationalistischen MHP einging, wandten sich viele sunnitische Kurden der prokurdischen HEP, Vorgängerin der DEP, zu. Die RP hatte daraufhin zwar in dem genannten Bericht rechtsradikale, z.T. Forderungen der Linken in ihr Parteiprogramm übernommen, mit dem Ziel die Kurden zurückzugewinnen, jedoch geschah dies ohne wirklichen Erfolg.

Eine weitere Tatsache, die die radikalen Rechte und die linke Mitte der siebziger aufboten, ist die "konfessionelle" Unterscheidung innerhalb des kurdischen Bewohner von Gecekondu-Vierteln, mit dem Feindbild „kommunistischer Aleviten" bzw. „faschistischer Sunniten". Die offiziellen Wahlergebnisse von 94 machen deutlich, dass sich mehr als 60% der kurdische Aleviten an prokurdischen Parteien wandten, auch die letzten Wahlergebnisse bestätigen diese Entwicklung unter den kurdischen Aleviten. Das zeigt auch, dass die kurdischen Aleviten die so genannte Identitätskrise, die durch die starke Assimilationspolitik des kemalistischen Staates verursacht wurde, überwiegend überwunden haben.

 

Die Situation verschärfte sich in den 90iger Jahren dadurch, dass viele Kurden durch die zerstörende  Politik des türkischen Militärs aus ihren Dörfer vertrieben wurden. Ca. 12 000 Dörfer wurden in Kurdistan evakuiert, dessen Bewohner meist Zuflucht in Gecekondu-Vierteln suchten. 2-3 Mio. Kurden wurden zur Migration in Gecekondu-Vierteln gezwungen, dass zu einer Übersiedlung der Viertel führte. Schätzungsweise sind mehr als eine Mio. Migranten an die Mittelmeerküste in die Städte Mersin, Antalya und Adana abgewandert, die 3ängst zu eine0 Brennpunkt zwischen kurdischen Nationalisten und türkischen Nationalisten geworden sind.

 

Nähere Informationen über die Situation der Flüchtlinge zu bekommen ist schwer, eine Untersuchung, die der IHD 1994 bei den kurdischen Migranten in Mersin, Istanbul und Bursa mit 341 Familienvetretern, die für 3 258 Personen sprachen, durchführte, zeigt, wie sehr die Befragten aus dem ökonomischen System ausgegrenzt sind und wie sehr sich dies auf ihre ethnische Identität und politische Vorstellungen auswirkt, Dabei wollten ca. 80% der Befragten nach Kurdistan zurückkehren, was dank der Kurdenpolitik der Türkei heute noch ein unerfühlter Wunsch geblieben ist.


Die Situation der Kurden in türkischen Metropolen

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