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Geographie/Demographie: Eine Reise in die heimliche Kurdenhauptstadt Amed/Diyarbakir
Geschrieben am Samstag, 01. März 2008 von rinret

Geographie

Vor einigen Tagen sendete der Bürgermeister von Amed, Osman Baydemir, einen Hilferuf an die Europäische Union. Amed steht am Rande des Abgrundes. Nicht nur, dass hier das Herz Kurdistans und der türkische Staat aufeinanderprallen, auch leben hier laut eines Berichtes der Vereinten Nationen ca. 30% der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze.



Amed, die heimliche Hauptstadt Kurdistans, ist eine besondere Stadt. Auf den ersten Blick wird hier die kurdische Kultur sehr offen gelebt. Alles scheint 'freier' gegenüber anderen Städten innerhalb der türkischen Grenzen zu sein. Die Menschen, die dort leben, sagen mit Stolz, dass sie Bürger dieser Stadt sind. Man spricht ganz selbstverständlich seine Muttersprache auf der Straße. Das letzte Kulturfestival der Stadt war ebenso auf zwei Sprachen ausgerichtet - so waren Programme und Veranstaltungen immer in Kurmançi und Türkisch. Man sieht seltener die türkische Flagge oder ein Atatürk-Bild in der Stadt, meist 'schmücken' sie nur die Häuser der Jandarme oder Soldaten. Betritt man das Rathaus von Amed, empfängt einem das gleiche Bild. Keine Flagge der Besatzer Kurdistans und auch kein Bild deren Staatsgründers kann man in der Eingangshalle sehen. Die Beamten im Rathaus haben ganz selbstverständlich die 'Özgür Gündem' oder die 'Azadiya Welat' auf ihren Schreibtisch liegen (in Bursa bekommt man diese Zeitungen nicht mal am Kiosk zu kaufen) und eine Direktorin einer höheren Schule sagte mir mit absoluter Selbstverständlichkeit: 'Das ist Kurdistan!. 1000km westlich von Amed wurde erst vor 2 Jahren ein Lehrer entlassen, weil er das Wort 'Kurdistan' in den Mund nahm.
Ohne Frage stärkt der DTP - Bürgermeister Osman Baydemir, der sich offen zu seiner kurdischen Identität bekennt und seine Reden auch zweisprachig hält, den Rücken der Kurden von Amed. Aber auch auf ihn regnen die Repressalien der türkischen Regierung herab, denn die Anklagen seitens der Türkei gegen ihn, kann man schon bald nicht mehr zählen.
Dem Besucher scheint die Stadt also auf dem ersten Blick ziemlich frei zu sein, wo die Kurden mit ihrer Kultur leben können und wo sie ihre Sprache ungehindert sprechen können. Doch auf dem zweiten Blick offenbart sich die wirkliche Lage dieser Metropole, die die Situation ganz Nordkurdistans widerspiegelt: Armut, Misstrauen, Repressionen und Staatsterror geschürt von den türkischen Besatzern.
Auch die Kurden haben begriffen, dass Bildung für ihr Volk äußerst wichtig ist. Doch Bildung in Nordkurdistan heißt türkische Bildung und damit türkische Assimilation. Das beste Beispiel hierfür ist die Dicle Universität. Kein Wort Kurmançi oder Dimli hört man auf dem Campus. Einheimische warnten mich, ja kein Wort Kurdisch dort zu sprechen. Und der Lehrkörper? Die wohl größten Rassisten der Türkei haben sich dort versammelt, um den Studenten 'den wahren Weg' zu lehren.
Die Repressionen und der Staatsterror machen sich auch innerhalb der Bevölkerung Ameds bemerkbar. Ich habe dort keine Familie kennen gelernt, die nicht eine traurige Geschichte zu berichten hatte. In jeder Familie gibt es einen Sohn oder einen Vater, der durch türkische Hand getötet wurde, sei es auf offener Straße oder durch Folter im Gefängnis; oder sie besuchen ihre Familieangehörigen einmal im Jahr in irgendeiner Haftanstalt der Türkei.
Neben der einheimischen Bevölkerung füllt sich die Stadt immer mehr mit Flüchtlingen aus kurdischen Dörfern. Viele von ihnen können nicht mehr zurück in ihren Geburtsort, weil das türkische Militär sie vertrieben hatte und ihr Hab und Gut niederbrannte. Sie leben hier meist am Stadtrand unter menschenunwürdigen Bedingungen, weil auch die Stadt selbst kein Geld hat, diesen Menschen die nötige Hilfe zu geben. Um sich selbst zu helfen, müssten sie arbeiten gehen, aber Arbeitsplätze sind hier wie in ganz Kurdistan absolute Mangelware.
Da stellt man sich doch die Frage, ist das die Art, wie der Staat mit seiner Bevölkerung umgeht, und wundert es einen dann noch, dass die Bevölkerung gegen die Methoden des Staates aufbegehrt?
Dieser Terror überfällt nicht nur die dort lebende Bevölkerung, sondern auch die Reisenden nach Kurdistan. Auf den Weg nach Amed passiert man einige offizielle und inoffizielle Polizei- bzw. Militärkontrollen. Ich habe mich gefragt, warum sogar ich als Ausländerin diese Kontrollen verabscheue. Es ist die Art, wie man kontrolliert wird. Sobald man in einem Bus sitzt, der in Nordkurdistan unterwegs ist, erscheint man in den Augen der türkischen Staatsgewalt automatisch als Terrorist. Die Art, wie sie einen Fragen stellen, wie man angeschaut wird - die ganze Behandlung durch das türkische Militär erscheint würdelos. Warum fahren Europäer nach Kurdistan und nicht nach Antalya, wo sie hingehören? - diese Frage ist immer wieder in den Augen der Soldaten zu lesen. Das ein Europäer an der Geschichte und den Kulturgütern Kurdistans interessiert sein könnte, erscheint ihnen dabei unverständlich - beginnt doch ihre 'wahre und als wichtig erscheinende' Geschichte erst mit der Gründung des türkischen Staates.
Als ahnungsloser Europäer fragt man sich dann, wie viel Ignoranz muss in einem Menschen stecken, dass er solche Gedanken hegt und eines der ältesten Kulturen, die Kultur Mesopotamiens, einfach beiseite schiebt und als unwichtig abtut. Ist man dagegen mit dem türkischen Bildungssystem vertraut, wundern einen diese Gedankengänge nicht mehr.
Kommt man also als Tourist nach Amed, staunt man über diese Metropole, die so viele (kurdisch, armenisch und türkisch) Kulturen vereint und sie scheinbar frei lebt. Schaut man aber genauer hin, blickt man hinter die Kulissen und hört sich die Geschichten der Menschen an, sieht man das wahre, das traurige Gesicht von der Hauptstadt Kurdistans. Doch dieser Blick bleibt vielen Europäern auch deshalb verborgen, da es Zeit braucht für diesen tieferen Einblick in die Stadt. Denn ein Charakterzug, der sonst so überaus warmen und freundlichen Menschen, fehlt - das Vertrauen.
Vertrauen wird hier keinem geschenkt, was einem anderseits allerdings auch nicht verwundert. Denn zu viele Spitzel wurden von dem türkischen Staat eingesetzt, um das kurdische Volk zu kontrollieren und zu überwachen. Doch eine Kontrolle Kurdistans kann die Regierung bis heute nicht als Erfolg verzeichnen. Die Kurden, besonders die Kurden in Amed, sind misstrauisch  und das zu Recht. Da nur Misstrauen ihr kleines erkämpftes Stück Freiheit bewahrt.
Diese ganze Situation lässt erkennen, dass Amed auf einen Pulverfass sitzt, und es ist vielleicht nur noch eine Frage der Zeit, wann das Fass explodieren wird. Wie lange wohl werden es sich die Kurden noch gefallen lassen, vom türkischen Staat wie Marionetten behandelt zu werden?
Eines ist gewiss, die Kurden schlafen nicht sondern sind hellwach. Sie sind auch nicht von den Repressionen durch die türkische Staatsmacht eingeschüchtert, sondern sie sind nur vorsichtig und misstrauig, was für ein Überleben in Nordkurdistan unumgänglich ist. Ihre Aufgeweckheit zeigte sich nicht nur zum Newrozfest sondern auch beim letzten Musikfestival Anfang Juni in Amed, wo man immer wieder Rufe wie 'Bijî Kurdistan' oder Bijî Serok Apo' hören konnte.
Einmal wird der anhaltende Staatsterror und die andauernden Repressalien des türkischen Staates das Fass zum Überlaufen bringen und die Kurden werden ihre Rechte offenkundig einfordern. Sollte es zum Serhildan innerhalb der kurdischen Bevölkerung kommen, ist es bestimmt keine 'Hetz Kampanie' der PKK, wie es die türkischen Besatzer so gern ausdrücken. Denn das hätte die Arbeiterpartei Kurdistans gar nicht nötig, der Staatsterror der Türkei sorgt allein dafür, dass sich das Volk befreit.
Denn eines ist klar, könnte das Volk er Kurden in Frieden und Freiheit innerhalb der Türkei leben, gebe es keine Probleme dieser Art. Aber solange Menschen einfach von der Straße weg festgenommen, eingesperrt und gefoltert werden können - ja sogar erschossen werden; solange das Volk der Kurden durch Bombenterror, durch vom Staat gesteuerte Terrorgruppen in ihren eigenen Städten bedroht wird, muss der türkische Staat mit gewalttätigen Auseinandersetzungen rechnen.
Gewalt sollte eigentlich nie eine Lösung sein, aber wie soll man der Staatsgewalt, die ihrem eingenen Volk selbst Gewalt antut, und sie in Gefängnissen verrotten lässt, ein ganzes Volk als Menschen zweiter Klasse ansieht und auch so behandelt, wie soll man dieser Gewalt auf friedlichem Weg antworten. Wie soll ein ganzes Volk eine friedliche Lösung schaffen, wenn die 'demokratisch' gewählte Regierung des Landes selbst eine Marionette der Armee ist und keine friedlichen Lösungsvorschläge anbietet?
Osman Baydemir bewegt sich schon jetzt auf einer Gradwanderung. Ein Schritt zu weit Richtung kurdische Rechte und er fällt in den Abgrund und wird von den Gefängnistüren aufgefangen. Dabei hat er vielleicht gerade einmal 5% der Rechte erkämpft, welchen den Kurden eigentlich zustehen müssten. Aber was ist mit den übrigen 95%? Das Volk der Kurden ist zurecht hungrig - nicht nur im eigentlichem Sinn der Armut sondern auch im Sinne nach Freiheit und Gerechtigkeit. Wird dieser Hunger nicht sehr bald gestillt, kommt es wohl früher oder später zu einer verständlichen Explosion!

 

 

rinret/Juni 2007


Eine Reise in die heimliche Kurdenhauptstadt Amed/Diyarbakir

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