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Politik: Faili meçhul cinayetler - Morde unbekannter Täter
Geschrieben am Dienstag, 27. April 2010 von Baran Ruciyar

Politik in Kurdistan

Faili meçhul cinayetler - Morde unbekannter Täter, eigentlich ein juristischer Begriff, der nur aussagt, dass ein Mord nicht aufgeklärt wurde.

In der Öffentlichkeit bezeichnet er Morde mit politischen Motiven, bei denen die Täter trotz einer möglichen Aufklärung nicht aufgedeckt oder gefasst werden, also jene die durch Todesschwadrone organisierte Morde oder die Morde durch Hizbullah-Mitglieder, die unter dem Schutz der Polizei begangen wurden1. Dieser Art von Morden haben eine lange Tradition in der Türkei, regimekritische Stimmen wurden schon sehr früh zum Opfer „ungeklärter Morde“. Viele Journalisten und Schriftsteller, die sich weigerten ins Exil zu gehen, wurden bereits in den 20igern und 30igern zum Opfer, der mit der Regierung im Zusammenhang stehender Untergrundorganisationen.

Mit der Ermordung des Chefredakteurs der Zeitung Milliyet, Abdi Ipekçi Ende der 70iger Jahren, durch M. Ali Ağca2, einem damals jungen Mitglied der Organisation „Grau Wölfe“, der nach sechsmonatiger Inhaftierung aus dem Gefängnis floh und ein Attentat am 13. Mai 1983 auf Papst Johannes Paul II. ausübte, nahmen die ungeklärten Morde einen kontinuierlichen Lauf in der Türkei.

Mit dem Beginn der kurdischen Freiheitsbewegung wurden immer mehr kurdische Intellektuelle zum Opfer politischer Morde in der Türkei. Aber auch nicht nur Intellektuelle sondern auch Dorfvorsteher, Imame und andere einflussreiche Personen in ländlichen Gebieten, denen man Unterstützung der PKK zumutete, wurden getötet3. Das Ziel von türkischen Geheimdienst, der auf neue Anordnung der Regierung kurdische Geschäftsmänner und Intellektuelle ermordete, die kurdische Bewegung zu ersticken - doch verursachte dieses Vorhaben auch viele Verwirrungen und Proteste.

Am 20. September 1992 wurde Musa Anter, ein kurdischer Journalist und Schriftsteller, der von den Kurden den Beinahmen "Apê Mûsa" bekam in Diyarbakır entführt und später erschossen. Dies verursachte immense Proteste sowohl in Europa4 als auch in der Türkei selbst. 

Ein Jahr später war diesmal ein türkischer Journalist und Schriftsteller zum Opfer eines Bombenattentat, vermutlich aus denselben Kreisen, geworden. Ugur Mumcu´s Tod, verursachte erstmal Massenproteste gegen den Staat und seinen Geheimorganisationen, die für die Ermordung verantwortlich gemacht wurden5.

 

Der Fall Susurluk brachte neue Verhältnisse in die Geschehnisse. Der Staat wurde erstmals mit den Tätern unbekannter Morde in einen Zusammenhang vor den Augen der Öffentlichkeit gebracht. Hochrangige Regierungsbeteiligte wurden mit den Anführern der Grauen Wölfe, die Tausende von Verschleppungen und Morde zu verantworten hatten, plötzlich in einem Atemzug genannt. Einige davon gaben sogar öffentlich ihre Mitarbeit mit dieser Organisation zu6. Besonders unter Tansu Ciller und Mehmet Ağar nahmen die Morde „Unbekannter Täter“ zu7. Nachdem es öffentlich wurde, dass der Staat offensichtlich mit Organisationen wie der JITEM/TIT oder den Grauen Wölfen zusammenarbeitet, erhoffte man sich, dass diese Art von Morden aufgeklärt und ein Ende finden werde. Doch geschah genau das Gegenteil - die Morde dauern bis heute an. Eines der neusten Beispiele passierte in Semdimli, wo in einem Buchladen eine Explosion durch eine Bombe ausgelöst wurde. Der türkische Generalstabschef Y. Büyükanit erklärte nach dem Attentat, er würde den Täter kennen und bezeichnete ihn öffentlich als „einen guten Jungen“ mit dem er früher zusammen im Nordirak zusammengearbeitet hatte8. 

 

Zuletzt zeigte uns auch die Ermordung des armenischen Journalist H. Dink, der mitten in Istanbul getötet wurde, noch einmal, welches Potential, die Türkei in dieser Hinsicht noch hat. Der „Tiefe Staat“, so mittlerweile die Bezeichnung dieser oben erwähnten Organisation, ermordet und foltert nach wie vor ungestört.

Dabei hat die Situation unterdessen den Anschein, dass sich diese Organisation, die vorwiegend aus Generälen a.D. an der Führungsspitze besteht, sich schon lange verselbstständigt hat und der wirkliche Staat die Kontrolle darüber schon längst verloren hat. Vor einiger Zeit wurde die Organisation Ergenekon, die vor kurzem noch öffentlich als "Bund patriotischer Türken" gefeiert wurde, zum Ziel des Staates. In einer Nacht und Nebel Aktion wurden unzählige Mitglieder von Ergenekon verhaftet und inhaftiert. Bei den Haus- und Bürodurchsuchungen fanden sich Dokumente, die unzählige kurdische Intellektuelle und Politiker, unter ihnen auch der türkische Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk, auf einer Todesliste auswiesen. Die Organisationen wie Hizbullah oder Konterguerilla9 wurden für derartige Morde instrumentalisiert, die eine Reihe von kurdischen Persönlichkeiten verschleppt anschließend ermordet haben.

 

Noch vor einem Jahr ereignete sich in der Nähe von Beytüşşebap ein Massaker an der urbanen Bevölkerung. Dass Zwölf der Bewohner eines Dorfes darunter sieben Dorfschützer, die zuvor abgelehnt hatten weiterhin als Dorfschützer tätig zu sein, durch den Beschuss eines Kleinbusses getötet wurden, war mehr als nur aufallend - und erinnerte sehr an den Vorgesehensmethoden der oben erwähnten Organisationen. Danach kam es gewöhnlich zu gegenseitigen Anschuldigungen der PKK und türkischer Militärs - letztendlich bleib auch dieser Fall, wie Tausend weitere auch. unaufgeklärt. 

Die Bezifferung ermordeter Personen ist schwer festzumachen, da die wenigsten Morde von den Menschenrechtsdelegation registriert wurden, bleibt allein die Vermutung des IHD10 von 5 000 durch unbekannten Täter als diskutabel11. Eine andere Meldung verweist auf 17.500 Akten, die Morden nach „Unbekannten Tätern“ beinhalten.

 

Aus den Berichten der IHD gehen folgende Zahlen für letzte 14 Jahren hervor:

 

1994: 292 Morde durch unbekannte Täter

1995: 321 Morde durch unbekannte Täter

1996: 78 Morde durch unbekannte Täter, 48 Personen konnten verletzt davonkommen.

1997: 109 Morde durch unbekannte Täter

1998: 192 Morde durch unbekannte Täter

1999: 212 Morde durch unbekannte Täter

2000: 145 Morde durch unbekannte Täter

2001: 160 Morde durch unbekannte Täter

2002: 75 Morde durch unbekannte Täter

2003: 50 Morde durch unbekannte Täter

2004: 47 Morde durch unbekannte Täter

2005: 1 Mord durch unbekannte Täter

2006: 37 Morde durch unbekannte Täter12

2007: zwischen Januar und Juli 25 Morde durch unbekannte Täter. 


 

1 Vgl. Fußnote dem Anhang des Buches ”Der Krieg in Türkei-Kurdistan” [Andreas BERGER, Rudi FRIEDRICH, Kathrin SCHNEIDER; Lamuv Verlag, 1998]

 

2 Dieser Mörder der 17 Jahre Straffe in Italien wegen den Attentatsversuch auf Papst absetzen müsste, in die Türkei abgeschoben wo er nochmals inhaftiert wurde, dort wurde er nach einiger Zeit aus psychische Problemen entlassen. Er selbst gestand den Mord an Abdi Ipcekci sowie auch seiner Verbindung zu der Organisation der Grauen Wölfe. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,394826,00.html 

 

3 Serdar meint dazu: Antwort der Türkei auf den 15. August: Jeden Tag wurden kurdische Intellektuelle getötet. Man konnte dies schon nicht mehr "faili mechul cinayetler" nennen, denn die Attentäter versuchten sich nicht mal zu verbergen.

 

4 Vgl. http://www.nadir.org/nadir/periodika/widerstand/kurd_4.htm (letzter Besuch am 15.03.08) 

 

5 In der Tat, setzte die Ermordung von Mumcu, die gesamte türkische Bevölkerung in die Ratlosigkeit im eigenen Lande. Der Fall ist bis heute nicht ganz geklärt worden. Für Daten und Fakten siehe Mumcu´s Website: http://www.umag.org.tr/umageng.htm 

 

6 Am 3. November kam es bei Susurluk, 300 Kilometer südlich von Istanbul zu einem Verkehrsunfall, der die Verfilzung zwischen dem türkischen Staatsapparat, den faschistischen "Grauen Wölfen" und der Drogenmafia ans Tageslicht brachte. Aus einer gepanzerten Mercedes-Limousine, die mit einem Lastwagen zusammengestoßen war, kamen der von Interpol gesuchte Mafiaboss und MHP-Aktivist Abdullah Çatli, der Polizeichef Hüseyin Kocadag und die in der Unterwelt verkehrende Schönheitskönigin Gonca Uz ums Leben. Ein weiterer Insasse, der DYP-Parlamentsabgeordnete und berühmt-berüchtigter Dorfschützer-Chef Sedat Bucak, wurde schwer verletzt geborgen. Auf das Konto all dieser Personen gehen unzählige Morde. Die vier Unfallopfer verbrachten vor dem Zusammenstoß in einem Hotel im Urlaubsort Kusadasi drei Tage miteinander. Im Kofferraum des Autos lagen Abhörgeräte, Maschinenpistolen, Schalldämpfer und Munition. Innenminister Mehmet Agar, der eine steile Karriere bei der Polizei hinter sich hatte, bevor er vor einem Jahr in die Politik einstieg, wollte an diesem Unfall nichts Außergewöhnliches festgestellt haben. Als Agar gefragt wurde, wie es denn möglich sei, dass ein Polizeichef, ein Abgeordneter und ein seit Jahren international gesuchter Mafiaboss gemeinsam unterwegs waren, erklärte er, der verstorbene Polizeichef habe den Mafiaboss der Polizei ausliefern wollen. Spontan trat dann Agar zurück, um Spuren zu verwischen. Dabei wurden immer neue Spuren sichtbar. Seine Nachfolgerin wurde Meral Aksener von der Partei des Rechten Weges, die ebenfalls als ein Günstling von Tansu Çiller gilt. Siehe dazu auch:  http://www.milliyet.com.tr/content/dosya/susurluk/susur1.html  (letzter Besuch: 09/04/08)

 

7 Das wird auch durch den von IHD registrierte Fälle bestätigt, vgl.  http://www.ihd.org.tr/images/pdf/1999_2007_karsilastirmali_bilanco.pdf  (letzter Besuch: 09/04/08)

 

8 Der Kommandant des Heeres, General Yasar Büyükanit sagte am 11. November, dass er mit einem der Unteroffiziere zusammen gearbeitet habe, als sie zusammen mit Peschmergas die „Stahloperation“ durchführten. Er soll sehr gut Kurdisch sprechen. Der Verteidigungsminister Vecdi Gönül zeigte sich besorgt darüber, dass die Bombe aus den Beständen der Armee sein könnte. Vgl.  http://www.tuerkeiforum.net/extra/2005/extra18.html(letzter Besuch: 09/04/08)

 

9 „Der Konterguerilla wurde in den letzten dreißig Jahren oft eingesetzt, um Oppositionsbewegung unter Kontrolle zu halten. Viele politische Mordanschläge der letzten Jahrzehnte werden ihr angelastet“. Vgl. Türkei-Connection Wie die Türkei international aufgerüstet wird
* Komzi-Verl.-GmbH, 2003, s, 22 - 23.

 

10 IHD – Insan Haklari Dernegi – Menschenrechtsverein. Wichtigste Menschenrechtsorganisation in der Türkei mit Nebenstellen in fasst jeden kurdischen Provinz. Zahlreiche Dokumente und Reportagen der Organisation sind unter diesem Link abrufbar: http://www.ihd.org.tr/index.php?option=com_content&task=view&id=185&Itemid=99

 

11 Einem Presseerklärung der IHD-Diyarbakir zufolge, wurden seit 1994, 5 000 Kurden zum Opfer unbekannter Täter. Die Zahl umfasst alle ermordete Personen, die seit 1994 von der türkischen Hizbullah oder Konterguerilla ermordet oder zu Tode gefoltert wurden, berichtet KurdistanTv: http://www.kurdistantv.net/nivisek.asp?ser=130&cep=1&nnimre=7555

 

12 Hamide Akbayir, aus: Lokalberichte Köln vom 10.11.06


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