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Gesellschaft: Familienbeziehungen bei den Kurden
Geschrieben am Freitag, 31. Oktober 2008 von Baran Ruciyar

Gesellschaft

Traditionell sind die Familienbeziehungen auch zwischen relativ entfernt verwandte Kurden und Kurdinnen ziemlich eng. Das zeigt sich nicht nur in gegenseitigen Besuchen, sondern auch in dem Ausmaß, indem man sich zu gegenseitiger Unterstützung verpflichtet fühlt. Auch werden Ehepartner und – partnerinnen nicht selten aus den näheren oder weiteren Verwandtschaft ausgewählt. Eine besondere Präferenz besteht für die Ehe mit der Tochter des Vaterbruders. Diese Verhältnisse wirken auch in Deutschland.

Eine große Rolle in den Sozialbeziehungen in Kurdistan spielt die Ehrebietung, die die <<Kleineren>> den <<Großen>> gegenüber schuldig sind. Dabei bündelt sich in der Bedeutung von <<groß>> höheres Alter, einflussreiche Stellungen und ggf. Besitzt. Der <<Große des Hauses>> ist das Familienoberhaupt, der <<Große des Stammes>> ist der Stammesführer, der die Angelegenheiten des Stammes gemeinsam mit den <<Weißbärten>> (den Ältestenrat) entscheidet. Wenn die <<Großen>> miteinander sprechen, sollen die <<Kleinen>> schweigen, und wenn ein <<Großer>> mit einem <<Kleinen>> spricht, soll dieser nicht widersprechen. Diese Erwartungshaltung löst sich unter den Lebensbedingungen deutscher Städte langsam auf, ist aber in Kurdistan noch weitgehend wirksam.

 

Die Verheiratung junger Kurdinnen und Kurden ist nicht deren Privatangelegenheit, sondern die Sache der ganzen Familie. Die Hauptverantwortung liegt bei den Eltern: sie bestimmen darüber, wer als Ehepartner in Frage kommt. Nach dem klassischen Muster sind sie diejenigen, die die Ehepartner für ihre Kinder suchen, wobei formal gesehen die Eltern des jungen Mannes initiativ werden müssen. Andererseits haben insbesondere die Eltern von Mädchen ein großes Interesse, die Aufgabe der Verheiratung ihrer Töchter möglichst schnell mit Anstand hinter sich zu bringen. Da außerdem ein gesellschaftlicher Druck auf frühzeitige Verehelichung besteht, werden die Mädchen mit Verheiratungsansinnen oft schon zu einem Zeitpunkt konfrontiert, wo sie selbst an Ehe überhaupt noch nicht denken wollen, was vor allem problematisch werden kann, wenn sie die Mädchen in Europa oder türkisch/iranisch/arabischen Metropolen in der Ausbildung befinden. Kommt es zur Verheiratungen, so bedeutet das in der Regel, dass die eine Familie der anderen <<ein Mädchen gibt>>. Hierfür ist manchmal als Auslösung ein Brautpreis zuzahlen der Brautpreis ist in der Regel niedriger für Sohn des Vaterbruders. Neben der Zahlung des Brautpreises richtet die Familie des Mannes, die – in der Regel sehr umfangreiche und teure – Hochzeitsfeier (Dawet) aus. Mit der Hochzeit wird die junge Frau in die Familie des Mannes aufgenommen, wo sie sich zunächst ganz unten einordnen muss, damit sie bestehenden Familienbeziehungen nicht stört. Ihr Ansehen steigt, wenn sie Kinder zur Welt bringt – insbesondere, wenn es Jungen sind. Eine Trennung vom Haushalt der Schwiegereltern erfolgt oft erst nach Jahren. In reicheren Gegenden Kurdistans, wo die Familien den Grundbesitz zusammenzuhalten versuchen, kommt es oft überhaupt nicht zu Trennung, sodass Großfamilien entstehen.

 

Während staatlicherseits in den Ländern mit kurdischer Bevölkerung (außer Iran) die Einehe vorgeschrieben ist, erlaubt der Islam bis zu vier Ehefrauen. Tatsächlich werden vom Imam Trauungen in diesem Rahmen vollzogen. So ist es nicht ungewöhnlich, dass ein Mann, der sich dies finanziell leisten kann, mit mehreren Frauen in ehelicher Gemeinschaft zusammenlebt. Dies kommt auch in Europa vor, allerdings seltener als in den Herkunftsländern. Es ist jedoch nicht selten, dass ein Mann in Deutschland mit einer Frau zusammenlebt und gleichzeitig im Kurdistan verbliebene Ehefrau finanziell unterstützt.

 

 


Quelle: Johannes Meyer-Ingwersen, Die kurdische Minderheiten IN: Ethnische Minderheiten in der Bundesrepublik Deutschland : ein Lexikon / hrsg. von Cornelia Schmalz-Jacobsen und Georg Hansen. Red. Bearb.: Rita Polm. - München : Beck, 1995.


Familienbeziehungen bei den Kurden

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