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Gesellschaft: Gûran
Geschrieben am Sonntag, 23. März 2014 von Baran Ruciyar

Gesellschaft Der Begriff gûran bezeichnet unterschiedliche Gruppen im südlichen Kurdistan.

Bruinessen, der in vielen Regionen Kurdistans Feldforschungen unternommen hat, weist auf eine Schicht bzw. Bauernschaft hin, die sich von den stammesangehörigen Kurden, welche sich als wahre Kurden ansehen, unterscheidet. Diese werden und nennen sich auch selbst Gûran1. Diese sind Lanlose Bauern, die in als Tagelöhner ihr Unterhalt verdienen, weder Land noch viel Vieh besitzten. Die Gûran waren wahrscheinlich ursprunglich auch in Stämmen organisiert. Aber die ersten Berichten europäischer Reisenden geben Informationen, über einer detribalisierten Bauergemeinschaft im südlichen Kurdistan, vermutlich waren es die Gûran. Ein weiterer Merkmal der Gûran, was man hervorheben könnte, war, dass sie im Gegensatz zu der tribalen Kurden keine militärische Einheiten bildeten. 

Etwas südlich von Şahrîzûr2 wo die Bauern generell Gûran bezeichnet werden, lebt im gleichnamigen Distrikt die Stammeskonföderation Gûran3. Bruinessen warnt davor, die mit diesem Begriff gekennzeichneten Gruppen gleichzusetzen, dem europäische Linguisten und Ethnologen bisher mehrfach zum Opfer fielen. Genauso vermerkt auch Leezenberg "Man sollte jedoch vor der Mehrdeutigkeit des Namens Goran/Gûran, sich hüten, wie es auch bei dem Namen „Kurde“ der Fall ist4" - in der Tat bezeichneten die arabischen Geographen des Mittelalters mit dem Begriff "Kurde", der von den Europäern als ein rein ethnisch und linguistischer Begriff gebraucht wird, verschiedene Gruppen "die heute selbst die extremsten kurdischen Nationalisten nicht zur kurdischen Nation rechnen würden". Hier weißt Bruinessen anscheinend auf die Luren hin, die in der Vergangenheit sowohl von den reisenden Europäern als auch von den Arabern als Kurden betrachtet wurden, heutzutage dagegen mehr oder minder als ein eigenständiges Volk gelten. Bekanntlich werden auch in der Kurdenchronik, von dem Fürsten von Bedlîs, Sheref Al Din, die Luren und auch die Gûran (er bezeichnet mit Gûran alle unter der persischen Herrschaften stehenden Kurden) als Zweige der kurdischen Nation betrachtet5. 

Der Begriff Gûran wird aber auch in religiöser Hinsicht verwendet; so berichtet Bruinessen6, dass Gûran zuweilen mit Christ, Muslim, Jude gleichgestellt wurde, während Leezenberg wiederum berichtet: “aus Arbil sagte: Ez ne kurd im ez ne guran im. Soll heißen: Ich bin weder Städter noch Dörfler7. In der Tat, auch für die von mir interviewte Personen aus Qesra Shirîn (kelhurisprachig, nicht-Stammesangehörig), bezeichnete der Begriff Gûran schlicht und einfach “die Yarsan”-Kurden. Dabei waren die linguistische Differenzierung innerhalb der Yarsan-Gemeinde nicht von geringer Priorität. Den Namen Kelhurî für ihre Sprache lehnten sie ab, obwohl sie einen etwas vom Hewramî beeinflussten Dialekt des Kelhurî-Kurdischem sprechen. Prof. Izady8 dagegen verwendet den Begriff im ethnischen Sinne und kennzeichnet damit die Kelhurî,- Lekî- und Hewramîsprachigen Kurden.

 

 


 

1Bei den Gûran handelt es sich um eine Bauernschaft, die nichtstammesangehörig sind und in den Dörfern sesshaft sind. „In Kurdistan sind Stämme zwar auch „gesellschaftlich konstruiert“, aber sie haben einen starken Realitätsgehalt. Stämme haben Namen und ihre Geschichte lässt sich in vielen Fällen über Jahrhunderte verfolgen. Nicht alle Kurden gehören zu Stämmen: es gibt in vielen Teilen Kurdistans eine nicht-tribale unterworfene Bauernschicht (Kurmanc, Guran, oder Kelawspî genannt), und es gibt, besonders in den Städten, Kurden die detribalisiert sind, d.h., die sich erinnern, daß ihre Vorfahren zu einem Stamm gehörten, für die aber diese Stammeszugehörigkeit nichts mehr bedeutet. Viele Kurden, auch in den Städten, erinnern sich nicht nur an ihren Stammesnamen, auch ihr Verhalten ist stark von der Stammeszugehörigkeit geprägt, vom Wahl der Heiratspartner bis zu den Auffassungen über Ehre und gegenseitige Hilfe.“ vgl. van Bruinessen , Martin: "Innerkurdische Herrschaftsverhältnisse: Stämme und religiöse Brüderschaften", epd-Dokumentation, 7/2003, pp. 9-14. Weiterhin verweist Bruinessen darauf, dass man fast überall in Kurdistan auf diesen nichtstammesangehörigen Gesellschaftsschicht trifft. Die stammesangehörigen Kurden betrachten diese Gûran mehr oder weniger als gesellschaftlich ihnen untergeordneten Menschen. Diese Gûran, die manchmal auch Kelawspî, Rayat oder Misken bezeichnet werden, sollten einen überaus heterogenen Ursprung haben – ihr Vorfahren waren aus verschiedenen kurdischen Stämmen. So etwa van Bruinessen, Martin: "Kurdish Nationalism and Competing Ethnic Loyalties", Original English version of: "Nationalisme kurde et ethnicités intra-kurdes", Peuples Méditerranéens no. 68-69 (1994), 11-37.

 

2Şehrîzûr bezeichnete im osmanischen Verwaltungswesen die Ebene zwischen Silêmanî und Kerkûk.

 

3Diese Stammeskonföderation bestand ursprünglich aus soranî,- kelhurî- und hewramî-sprechenden Kurden. Die Europäer verwenden den Namen in ethnischem Sinne und bezeichnen damit alle Sprecher des Hewramî. Was allerdings der Selbstdefinition der Sprecher nicht entspricht, d.h. nicht über einen Fiktion hinaus kommt.

 

4Gorani Influence on Central Kurdish: http://home.hum.uva.nl/oz/leezenberg/GInflCK.pdf  (letzter Besuch: 01.09.08)

 

5Sheref Al Din Bedlîse unterteilt die Kurden in vier Gruppen, die sich sprachlich und in der Kultur „geringfügig" unterscheiden. Das wären: die Kurmanc, die Kelhur, die Luren und die Goran. Wobei der Name Goran sich im laufe der Geschichte in Gûran umgewandelt hat. Von diesen hat sich wohl die Gruppen der Luren, soweit unsere Kenntnissen reichen, von den Kurden distanziert und den Charakter eines eigenständigen Volkes angenommen.

 

6Van Bruinessen, Martin: Agha, Scheich und Staat, Berlin 1898. Stichwort „Gûran“.

 

7MacKenzie berichtet von Stämmen in der Nähe von Arbil (Hewlêr), die Gûran genannt werden und „südkurdischen“ (Kelhûrî?) Dialekten sprechen. Vgl. MacKenzie, D.: „Gûran“ in: EI2

 

8Vgl. M. R. Izady: The Kurds, Washington 1992.


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