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Allgemeine Geschichte: Gûran-Konföderation
Geschrieben am Mittwoch, 01. Oktober 2008 von Baran Ruciyar

Herrschaftsstrukturen

Gûran - eine Stammeskonföderation in der gleichnamigen Region Gûran in Zentralkurdistan.



Die Konföderation besteht hauptsächlich aus yarsanistischen Kurden, die hewramî- und kelhurîsprachig sind, daneben gibt es auch wenige schi´itische und sunnitische Gûran, welche Soranî sprechen. So gesehen ist die Konföderation der Gûran sowohl in religiöser als auch in sprachlicher Hinsicht ziemlich heterogen, trotz dessen bestand in der Vergangenheit ein stark ausgeprägtes Kollektivbewusstsein1. 

Über den Namen Gûran gibt es verschiedene Theorien. Minorsky brachte einige Argumente, die den Namen Gûran von Gavbarakan „Stierreiter" oder "die mit Ochsen ziehen" herleiten. Aber auch, dass die Gûran-Konföderation religiös heterodox ist, hat einige Forscher dazu gebracht, ihren Namen von gebr, „Zoroastrier" (Gebr-an> gewran> Gûran) abzuleiten2.

 

Abgesehen vom Sherefname gibt es wenige geschichtliche Bücher, in dem die Gûran-Konföderation erwähnt wird, wenige islamische Quellen beinhalten dürftige Informationen zu dieser Stammes-Konföderation in Zentralkurdistan. Einer von ihnen ist der ägyptische Gelehrte Shibab ad-Din al-Umari, schrieb (1343) über die Kurden, erwähnte ebenfalls die Gûran: „In den Bergen vom Hemedan und Şehrizor findet man ein kurdisches Volk namens Gûran (al-Kûranîya); es ist ein sehr kriegerisches Volk und besteht aus Krieger und Bauern"3.

Sheref Khan unterteilt die Kurden in vier Gruppen, die sich sprachlich und in der Kultur „geringfügig" unterscheiden. Das wären: die Kurmanc, die Kelhur, die Luren und die Gûran/Goran4. Wobei der Name Goran sich im Laufe der Geschichte in Gûran umgewandelt hat. Von diesen hat sich wohl die Gruppen der Luren, soweit unsere Kenntnissen reichen, von den Kurden distanziert und den Charakter eines Volkes angenommen. Mit Goran bezeichnet Sheref Khan mit der Ausnahme von Luren, Dimilî und die westlich von Kirmashan beheimatete Kelhur-Konföderation kurdischer Stämme, alle Kurden unter der persischen Oberhoheit. Die Bewohner von Kirmashan und Erdelan werden, ganz unabhängig welchen Dialekt sie sprachen und welchen Stamm sie angehörten, als Goran von ihm pauschal gekennzeichnet. Offenbar waren selbst die Kelhur seiner Zeit (heute noch bezeichnen sich die yarsanistische Kelhur als Gûran) ebenfalls als Gûran bekannt5. Sheref Khan scheint den Terminus „Gûran“ im ethnischen Sinne angewandt zu haben, denn die im Sherefname als „Gûran-Stämme“ angeführte Stämme, führen gegenwärtig voneinander stark unterschiedliche Identitäten mit sich und können allein aufgrund herrschender linguistischer Differenzen nicht in dieser einen Gruppe zusammengefasst werden. Gûran-Stämme im Sherefname: Seyah Mansur, Lek, Zengene, Çegenî, Pazukî (vgl. Beskan), Zend, Rozbahan, Mitelec, Mezyar, Kech, Kuranî, Ziktî, Arapkirlu, Çemîsgezek (Melkiş), Hey, Kelegûr, Şehrezolî, Gilanî, Memoloyî, Hasirî und Aminlu. Einen Zusammenhang zwischen diesen und der gegenwärtigen Gûran-Konföderation zu schließen, ist sehr schwer, in linguistischer Hinsicht gar unmöglich6.

Die im Sherefname als Gûran-Fürstentümer (vgl. Fürsten der Gûran), verwalteten die heutige Region Kirmaşan und das nördlich vom Luristan gelegenes Gebiet Lekîstan; auch nach ihrer Untergang scheint die Gûran-Konföderation lange Zeit eine politische Machtfaktor im südlichen Kurdistan gewesen zu sein. Den Häuptlingen7 der Gûran mit der Residenz Gewhera war die Kontrolle über das östliche Kirmaşan unterstellt; auch die Kontrolle über Qesra Şirîn und Gîlan hatte sie inne. Während dieser Blütezeit, im 18. und 19. Jh. enthälte die Konföderation 8 Clans: Gahvara, Qolxani Aspari, Qolxani Bahrami, Tofangci, Daniali, Wayeša, Bibian und Nirizi8. Obgleich Oberling von einer „Detribalisierung“ der letzten drei Clans schreibt, erwähnt Izady sie nach wie vor unter den gegenwärtigen Clans der Gûran-Konföderation: Goran Konföderation (Leben zwischen Pawa und Kirmashan. Sind Yarsans, sprechen Teil Hewramî und Teil Kelhurî.): Bîbîyan, Biwanîc, Daniyalî, Gewera (Gehwera oder Gewhera genannt), Heyderî, Nirzî, Xelkanî Behrami (Xelkan), Xelkani Siperî (Xelkan), Şabanqera (Çupanqara, vgl. Shabakara), Tufangçî, Yasamî. Von diesen sollen die zwei yarsanistische Stämme Qalxani und Tûfangçî, die in Gewrhera und Kêrend beheimatet sind, den Kern dieser Konföderation bilden. Bruinessen jedoch berichtet davon, dass die Qalxani nur „oberflächlich“ Yarsans sind. Auch gewissen Clans der Caff-Konföderation haben sich zum Beginn des 19. Jh. den Gûran angeschlossen. Die Qadir Mir Waisi, Taischai, Qalkhani, Yûsif Yar Ahmedi, Kuyik und Nirzî waren ehemals der Caff-Konföderation angeschlossen, flüchteten vor der wachsenden Herrschaft der Erdelan-Fürsten und nahmen Zuflucht bei den Gûran. Sie sind unter den Namen Caff-Gûran bekannt9. Spätestens ab dieser war die Gûran-Konföderation ein Zweckverband, denn ökonomische Interessen hatten zur Entstehung dieser neuen Konföderation maßgeblich beigetragen. Die Bevölkerungszahl dieser Konföderation scheint im Gegenteil zu die ihrer Nachbarn den mächtigen Kelhur ziemlich geringfügig zu sein: „1952 gab es 3.420 Familien von ihnen oder 18.000 Einzelpersonen“ (vgl. Oberling). Der Mehrzahl nach waren sie sesshaft, einige ihrer Clans dagegen führen bis heute noch ein semi-nomadisches Leben.

 

Durch fragmentarische Forschungsergebnis von Oskar Mann, Minorsky, Rich, Karl Hadank etc. hat sich seit den frühen 30igern des 20. Jahrhunderts die Ansicht verbreitet, dass der Stamm der Gûran (d.h. die bei erwähnten Kernstämme) nicht kurdisch sei, und sie außerdem eine andere Sprache spreche als die Kurden; das Volk jedoch selbst betrachtet sich als Kurden10. Hadanks11 Argumentation rührt von den Bericht Rawlinsons, wo ein Hawramî ihm erzählt, dass er kein Kurde sei. Diese Argumentation beruht aber auf einer einzelnen Ansicht und nicht auf einer gründlich geführten Feldforschung. Auch heute noch, wenn man nach Kurdistan geht, und als Hauptinformant einen Korucu (die mit den Staat arbeiten) nimmt, würde dieser auch behaupten, dass er Türke sei. Aus diesem Grund ist Hadanks Ansicht hier stark anzuzweifeln, ja sie sogar als falsch zu nennen. Das Hauptaugenmerk sollte jedoch nicht darauf gelegt werden, ob die Gûran sich als Kurden sehen oder nicht, sondern ob ihre Sprache dem Kurdischem zugeordnet werden kann. Diese Sprache, in Europa fälschlicherweise unter dem Namen Gûranî bekannt wurde, heißt im Eigentlichen Hewramî (vgl. Hewramî und Gehwera-Mundart). "Die Ansichten über den Ursprung der Gûran-Konföderation und ihre genauen Beziehungen zu den von Shibab ad-Din und Şerexan Bidlisî erwähnte Gûran gehen auseinander. Minorsky sah offenbar in der heutigen Konföderation (abgesehen von den Kurden die erst in jüngerer Zeit hinzugekommen sind) Abkömmlinge dieser Ursprünglichen Gûran“ (Bruinessen; 2003;469). Sowohl die im Text erwähnten Autoren als auch Wissenschaftler wie Nikitine, Blau und MacKenzie bringen das Hewramî mit den kaspischen Dialekten in Verbindung. Aber diese Behauptung hat auch eine Gegenthese hervorgerufen12. Leezenberg weist auf die Ambiguität des Namen Gûran; ihm zufolge bestehen keine Anhaltspunkte dafür, dass der Name Gûran aus dem kaspischen Raum entstammen konnte13. Darüberhinaus ist er der Ansicht, dass der Name Gûran für historischen, linguistischen und soziolinguistischen Gebrauch ungenügend ist. Izady hingegen verwendet den Namen Gûran im ethnischen und religiösen Sinne; die Yarsan-Kurden werden von ihm, ganz unabhängig welchem Dialekt sie sprechen, Gûran genannt14. 

 

 


1 Nicht zu verwechseln mit den „gûran“ = eine detribalisierte Bauernschicht im Zentralkurdistan (vgl. Die Gûran). Die Zahl dieser detribalisierten Bauer übertrifft im Weiten die der Gûran-Konföderation. Laut Rich gab in der Mitte des 19. Jh. etwa vier- bis fünfmal so viele Gûrans wie die Stammeskurden. Die meisten von ihnen lebt nomadisch oder halbnomadisch, nur etwa ein Viertel ist wirklich sesshaft. Auch in weiten Dêrsim (vgl. Kurdenstämme der Region Dêrsim), Serhed (vgl. Cibran und Celalî), Balutschistan (vgl. Kurden in Balutschistan) und auch im Nordostiran begegnet man auch kleine Stämmen mit dem Namen Gûran. Siehe zu den Kûranî in Fars und Kirmaşan, dessen Name mit Gûran wahrscheinlich im Zusammenhang steht: „die Kûranî“.

2 Vgl. Prof. V. Minorsky: The Guran, IN: Bulletin of the School of Oriental and African Studies, University of London, Vol. 11, No. 1 (1943), pp. 75-103. van Bruinessen, Martin: Agha, Scheich und Staat - Politik und Gesellschaft Kurdistans. Berlin 2003, Kapitel "Gûran".

3 Vgl. Conermann Stephan; Die Kurden aus mamlukischer Sicht, in: ZAAS Band 8, Hrg. Conermann – Haig; Die Kurden. Studien zu ihrer Sprache, Geschichte und Kultur, Schneefeld 2004, s. 46.

4 In manchen Quellen werden die Gûran auch in der Form persischer Aussprache `Goran` beschrieben; jedoch ist die kurdische Form des Namen „Gûran“, folglich werden Gûran und Goran Synonym verwendet.

5 „Im Şerefname findet sich im Abschnitt über die Herrscher („omarâ wa hokkam") der Kelhor (unter welcher Bezeichnung Şerefxan offenbar alle Stämmen von Kirmaşan und Nordluristan zusammenfasste) eine kryptische Bemerkung: „Ihr (das heißt dieser Herrscher) Stamm wird Gûran genannt. (oder als Gûran angesehen). Was das auch immer bedeuten mag, es begründet eine lange andauernde Beziehung zwischen den Gûran und Kelhor, aber nicht einfach die Beherrschung der einen durch die anderen.“ Auch heute noch sind die Beziehungen zwischen den Kelhûr und Gûran ziemlich intensiv; „ Rawlinson (ein Britischer Offizier der ein Regiment mit Gûran-Stammesmitglieder unter dem persischen Prinzen, der Kirmaşan verwaltete, kommandierte) stellte fest, dass die Kelhor (ein großer kurdischer Stamm, der Südlich von den Gûran lebte und doppelt so groß war) behaupteten, die Gûran seien lediglich Abkömmlinge ihres Stammes. Dies wurde von Rawlinsons Informationen bestätigt. (Rawlinson 1839, S. 36) Eine Variante dieses Aspektes finden sich bei Mann und Rabino, die der Meinung sind, dass die Gûran-Konföderation durch Unterwerfung der ursprünglichen (Gûranî-sprechenden) sesshaften Bevölkerung durch kurdische Stämme, insbesondere durch die Kelhor und Zengene, entstanden ist. die Herrscher der Gûran-Konföderation waren zwar keine Kelhor, aber es gab Heiraten zwischen ihnen und den Familien der Kelhûr-Führer.“ (vgl. Bruinessen; Agha Scheich und Staat, Berlin 2003;475).

6 Man konsultiere hierzu; Şerefxanê Bedlîsî, Şerefname; Weger Ziya Avcı 1998 Apec förlag Box 3318 SE-163 03 Spånga (Swêd).

7 obgleich die Herrscherfamilie zum schi´itischen Islam bekennt, besteht die Konföderation vor allem aber aus den bis heute sunnitisch gebliebenen Caff und den yarsanistischen Kernstämme. Vgl. Oberling und Hadank.

8 Vgl. Oberling, P.: GURAN, in: Yarshater (Hrg), E.: Encyclopaedia Iranica. Bd.3 1989

9 Vgl. E. B. Soane, 'To Mesopotamia and Kurdistan in disguise.' London, I9I2, s. 407.

10 Zweifellos definieren sich alle Mitglieder dieser Konföderation mit als Kurden. Bis In den 60ieger Jahren des vergangenen Jh. appellierte die kurdisch-nationalistische Propaganda nicht an den Gûran. Bruinessen zufolge stellten sie sogar eine Zeit ein Art paramilitärische Einheiten für die iranische Regierung da, die gegen die kurdischen Freiheitskämpfer vorgingen. Bruinessen (s. 141-151) meint, dass sie verlässlich waren, da sie sich mit der kurdischen Sache nicht identifizieren konnten. Ein merkwürdiges Argument des Bruinessen, der sich mit der kurdischen Gesellschaft ausgezeichnet auskennt. Denn genau so gab es auch jener Zeit sowohl kurmancîsprachige als auch kelhurî- und soranîsprachige Kurden, die ebenfalls an der Seite des Staates gegen die kurdischen Guerilla vorgingen.

11Siehe hierzu; Mann, Oskar und Hadank, Karl (Bearbeiter); Mundarten der Gûran, Berlin 1930.

12 Siehe dazu: MacKenzie, 'Guran', 'Hawraman' in EI2 und Blau, Joyce: Gurani et Zaza. in R. Schmitt (ed.) Compendium Linguarum Iranicarum. Reichert Verlag, Wiesbaden 1989.

13 Michiel Leezenberg: Gorani Influence on Central Kurdish: http://www.cogsci.ed.ac.uk/~siamakr/Kurdish/Papers/Leezenberg93/sec1.html

14Auf zahlreichen Karten ebenso auch in seinen Analysen betrachtet Izady sowohl die Lek als auch die Hewramî als Zweige der Gûran (?). Anscheinend verwendet er den Namen Gûran für alle Bewohner des südlichen Kurdistans. Vgl Izady, M.R: The Kurds, 1992, s, 170ff.


Gûran-Konföderation

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