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Gesellschaft: Großfamilie
Geschrieben am Mittwoch, 18. Juli 2012 von Baran Ruciyar

Gesellschaft Baran Ruciyar / rinret schreibt:

Das kurdische Verwandtschaftssystem ist auf unilinearer Deszendenz in patrilinearer Ebene organisiert.

Ebenso spiegelt sich das interne politische System der Kurden, die Organisation in Stämme unter einer strikten Hierarchie, wider. Auch innerhalb der Familie findet man solch eine Hierarchie, wo Alte an der Spitze der Hierarchie stehen und als Oberhaupt meist ein männliches Mitglied zu finden ist – so kann man hier traditionell von einem Patriarchat sprechen.

Die Stämme bestimmten ursprünglich die Gesellschaftsstruktur der Kurden. Ihnen stand je ein weltliches und ein geistliches, meist männliches, Oberhaupt vor. Auch heute noch ist bei den meisten Kurden eine Bindung und Loyalität zum Stamm vorhanden, sie nimmt jedoch mehr und mehr ab; die Stämme und ihre Einflussreichtum lösen sich auf. Nur teilweise werden diese Strukturen durch politisches Loyalitäten ersetzt.

Die regionale Herkunft sowie die Großfamilien und der Haushalt, in dem sie leben, behalten im Rahmen dieser Entwicklung für die Kurden allerdings ihre wichtige, gemeinschaftsstiftende Bedeutung. Dabei ist der  kleinste familiäre Begriff „xane[1]“, der Kernhaushalt, der die Mitglieder einer Wohngemeinschaft bezeichnet. Dem „xane“ steht eine männlicher Person, meist der Vater, vor, der bei dessen Abwesenheit vom ältesten Sohn vertreten wird. Dieser Einheit übergeordnet ist die Großfamilie  „mal“. Zum Begriff mal zählen auch Verwandtschaft 2. und 3. Grades. Ihr übergeordnet ist die Tira, der Clan, die wiederum eine Ashiret bilden, den Stamm. Alle Mitglieder eines Stammes sehen sich im Prinzip als Verwandt und leiten ihre Lineage von einem Ahnen ab. Objektiv betrachtet, gibt es aber auch Nicht-Verwandte unter ihnen. Durch Heirat mit diesen, wird aber im Laufe der Jahre diese Nicht-Verwandtschaft vergessen.

Der für europäische Familienverhältnisse weitgefasste Begriff „mal“ lässt auf ein weitaus differenziertes Verwandtschaftssystem deuten. Dies schlägt sich auch bei der Bezeichnung der Verwandten nieder: So haben Mutterbruder und Vaterbruder, beides im Deutschen als Onkel bezeichnet, eine unterschiedlich Bezeichnung. Hier nimmt der älteste Vaterbruder noch eine besondere Stellung im Falle des Todes des Vater ein, der meist dann diese Position für die Kinder übernimmt.

Diese Verwandtschaftsbezeichnungen gelten auch bei den Schwestern der Eltern, also bei Vater- und Mutterschwester. Bei der verschiedenen Bezeichnungen für die Cousinen beispielsweise ist das von besonderer Bedeutung, da es bis heute in vielen Dörfern üblich ist, dass ein Mädchen den Sohn ihres Onkels väterlicherseits vergleichsweise heiratet, man findet also in Kurdistan das System der Kreuzcousinenheirat, allgemein kann man sagen, dass die Kurden meist innerhalb des Stammes heiraten, sie sind also endogam.  Eine Ausnahmeregelung besteht nur bei den Stammesoberhäuptern, die oftmals exogam heiraten. Mädchen heiraten häufig mit 16 Jahren oder noch früher, junge Männer gewöhnlich etwas später. Manchmal heiratet ein Mann zwei oder mehr Frauen, das ist jedoch nicht die Regel.[2]

Wie bereits erwähnt, für Haus und Familie gibt es bei den Kurden, wie auch bei anderen Völkern im Mittleren Osten, nur ein Wort, welches niemals nur Vater. Mutter und Kinder bedeutet. Sie umfasst grundsätzlich mehrere Generationen und Verwandtschaftsgrade, die nahezu jede mühelos aufzählen kann und denen er sich eng verbunden und auch verpflichtet fühlt. Das heißt auch, dass man das einzelne Individuum innerhalb der Familie nicht sieht, sondern die Familie immer als ganzes betrachtet. Wir also ein Familienmitglied angegriffen, ist dies ein Angriff auf die gesamte Familie. Diese Anschauung bezieht sich auch auf den Begriff der Ehre, gilt ein Familienmitglied als ehrlos, wird dies auf die gesamte Großfamilie projiziert. In den Familien spielt der Begriff der Ehre eine zentrale Rolle. Abhängig ist die Ehre vom Verhalten der Frauen und Mädchen, verteidigt wird sie von den Männern. Die Lebenswelten von Männern und Frauen sind bei den Kurden etwas weniger streng getrennt als bei ihren Nachbarn. Die Grundtendenz ist aber dieselbe. Räumlichkeiten, Arbeitsfelder, das Feiern von Festen, fast alles spielt sich getrennt ab. Lediglich die Kinder pendeln bis zu einem gewissen Alter zwischen den Welten hin und her.

Die Kurden lieben Kinder und betrachten sie als Reichtum: zehn oder zwölf Kinder sind keine Seltenheit. Kinder werden immer von einer Gemeinschaft großgezogen, so bleibt der Kontakt zu mehreren Generationen gewährleistet. Im Erziehungssystem der Kinder spiegelt sich auch hier das hierarchische Stammessystem wider. Wie im Stamm das Stammesoberhaupt als unwidersprüchlicher Herrscher gilt, so gilt dies auch für das Oberhaupt der Familie. Von Beginn an wird den Kinder beigebracht, dass man die Älteren zu respektieren hat und ihnen nicht widerspricht.

Heute hat sich die Familiestruktur vor allem durch die Migration in den Städten erheblich geändert. Großfamilien werden auseinandergerissen, da auf der Suche nach Arbeit vor allem die jungen männlichen Mitglieder in den Ballungszentren außerhalb Kurdistans leben. Die in den Städten wohnhaften Kurden haben sich mittlerweile der Gesellschaft, in der sie leben, zum Teil angepasst und ihre Lebensstil ähnelt mehr oder weniger dem ihrer Nachbarn. 


 

Quellen: Ammann, Birgit: Liebeserklärung an die geschundene Heimat, in: Bahman Nirumand (Hg), die kurdische Tragödie, Hamburg 1993.; Kizilhan, I. : Konflikte und Konfliktlösungen in patricharchalischen Gemeinschaften. IN: conflict & communication online. Vol 1.1; 2002; van Bruinessen, M: Scheich, Agha und Staat. Berlin 1989.
[1] Diese Begriffsbezeichnung findet man aber nicht im gesamten Kurdistan. Ich habe hierzu bei meinen eigenen Feldforschungen allerdings keinen gefunden, der den Begriff Xane benutzt. Dafür standen eher die Begriffe Mal und für die Verwandtschaft Malbat.

[2] Bei meinem Aufenthalt in der Türkei lebten die Familien mit 2 Ehefrauen meist in getrennten Häusern, dass heißt, der Mann hatte dann 2 Wohnstätten, die jeweils von einer Ehefrau versorgt worden. Ist dies nicht der Fall, so leben aber die Frauen innerhalb des Hauses in getrennten Räumen. (siehe dazu auch Bruinessen 1989:62)


Großfamilie

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