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Literatur/Sprache: Hewramî (Hawrami/Hawramani)
Geschrieben am Samstag, 01. November 2008 von Baran Ruciyar

Linguistik Baran Ruciyar/Rinret schreibt:

Hewramî, ein kleines Dialektkontinuum, das einige in Zentral- und Südkurdistan gesprochenen Dialekte umfasst.



Die europäische Wissenschaftler halten im Allgemeinen, das Hewramî [Goranî] für nicht kurdisch, und die Sprecher für nicht-Kurden, währed sich die Sprecher selbst sich als Kurden sehen. (Edmonds 1957:10, se. Hassanpor). Dies gilt vor allem für die sunnitischen Hewramîsprecher , die sich selbst als „Kord“ bezeichnen, während für sie die Bezeichnung „Gorani“ oder „Gûranî“, welche erst durch die westlichen Gelehrten eingeführt wurden, bei den Einheimischen selbst weder bekannt ist noch recht akzeptiert wird. Gûran bezeichnet ausgerechnet im Hewramî-Territorium eine gesellschaftlich unterkategorisiert Kaste, die jedoch Kelhurî sprechen. Wie van Bruinessen berichtet, bezeichnen in Zentralkurdistan die Feudalherren unterworfene Bauern als Gûran, die als Tagelöhner auf dem Land arbeiten. Dass die Hewramî von den westlichen Gelehrten Gûran genannt wurden, beruht auf der Tatsache, dass ein Teil der kleinen Gûran-Konföderation hewramîsprachig ist bzw. war. Nicht nur in Gewhera, wo sie einen Teil der Gûran-Konföderation bildeten, waren die Hewramî, im Gegensatz zu den detribalisierten Gûran-Bauern, in Stämmen organisiert, sondern auch in den Weiten Mosuls, der Xaneqîn-Ebene und in den Hewraman-Bergen sind sie heute noch in kleinen Stämmen organisiert. Zudem gibt es keine zuverlässigen Quellen, womit man ein zu vermutendes Unterwerfen der Hewramî durch die tribalen Kurden untermauern könnte, da die Hewraman-Bevölkerung besonders unter den Kurden als vorzüglich und edel gilt, die weder in der Vergangenheit noch heute irgendwelche Kurdenstämme des Soran- oder Kelhurzweiges unterworfen waren.

Sowohl von ihnen selbst als auch von der großen Mehrheit der Kurden im Irak und Iran wird ihr Dialekt `Hewramî` oder `Hewramanî` genannt. Der Begriff Hewramî ist tiefgehend, mit der Kultur und Geschichte der Hewramî-Bevölkerung verknüpft. In den kurdischen Liedern wird der Begriff Hewramî bewusst im ethnischen Sinne, das die ganze hewramisprachige Bevölkerung umfasst, benutzt.

Eine weitere wichtige ethnisch-fromme Gruppe, die Hewrami spricht, sind die Kakai alias Ahle Haqq, die ihren Dialekt „maçû“ „ich sage“ und sich selbst „Hewramî“ nennen. Im Iran werden die Kakais, Yaresan genannt. Außerdem sollten auch die „Sarli, oder Sarlu“ erwähnt werden, die in der Nähe von Eski Kalak, zwischen Mosul und Arbil, leben, die in Wirklichkeit Kakai sind und sich auch so nennen, da sie die Bezeichnung „Sarlu“ ablehnen, die von ihren Nachbarn für Sie verwendet wird.

Hewramî war lange Zeit, die Literatursprache der Kurden in Zentralkurdistan. Im Gebiet der Erdelan-Fürsten erfuhr Hewramî eine glanzvolle Zeit, die bis zum Beginn des 20. Jh. andauerte (vgl. Hewramî-Literatur). Eine weitere, durchaus relevantere Rolle als Sprache, spielt Hewramî, als Rituellesprache bei den Yarsan (vgl. die Heilige Sprache der Yarsan). 

Hewrami als Oralitäts – und Ritualsprache scheint selbst außerhalb des Gûran-Distriktes, bei den türkischen Yarsan (Endonym: Yārıstān) in Hamadan, verbreitet zu sein: „Aus der Kälāmāt-ı torkī entnimmt man folgende Hinweise auf die stattgefundene Ausweisung der Gūrānīsch sprechenden Yārıstān aus dem Hawraman in die Türkischsprechenden Gebiete: In meinem damaligen Körper sprach ich meinen König in deutlichem Gūrānī an. Seitdem ich in diesen Körper gekommen bin, bin ich gezwungen, Türkisch zu reden“ (Geranpayeh; 52 f.) lautet ein Kälam der türkischen Yarsan.

 

Klassifikation

J. Blau´s Aufsatz fängt mit „auch wenn die Sprecher sich mit der kurdischen Freiheitsbewegung identifizieren, können wir diese Sprachen (Kirmanckî und Hewramî) nicht dem Kurdischen zuordnen“ an. Die Fragen, was ist Kurdisch? Und wer sind die Kurden? Wäre hier angebracht, denn sowohl die benachbarten, von westlichen Gelehrten zu „echten Kurden“ erklärten, Soran-Kurden als auch die Hewramî-Kurden behaupten von sich selbst echte Kurden zu sein. Diese Diskussion allein würde schon ein ganzes Buch füllen und soll hier nur am Rande betrachtet werden. Vermerkt werden muss hierbei aber vor allem, dass in der Historie die Menschen, die man heute allgemein als Kurden betrachtet und besonders, die sich heute selbst als Kurden sehen, ihr Nationalgefühlt vermehrt im Stamm sahen und erst mit dem Beginn einer offensichtlichen Unterdrückung und dem daraus resultierenden Beginn einer eigenen Entwicklung von politischer Tätigkeit zu einem Volk, das eine Nation anstrebt, wurden. Faktisch entstanden in der Wissenschaft zwei unterschiedliche Theorien, die einerseits Hewramî als Sprache und andererseits Hewramî als kurdischen Dialekt betrachten, wobei beide Theorien nicht selten durch politisches Machtgehabe beeinflusst werden.

Die allgemein verbreitete Klassifikation ist, dass Hewramî, ebenfalls wie Kurmancî und Soranî, dem NW-Zweig der iranischen Sprachen angehört. Hewramî und Kirmanckî bilden einen eigenen Unterzweig innerhalb dieses Zweigs:

Iranisch

-Westiranisch

--Nordwestiranisch

---Gorani-Zaza

----Hewramî

-----Schabakî

-----Bacelanî

-----Gûranî (Kenûleyî)

 

Hewramî Dialekte

Die wichtigsten und bekanntesten Dialekte von Hewrami sind Hewrami Luhon-î ‚,Tiefländer“ und in Hewrami Taxt-î ,,Hochländer“. Beide werden im Hewraman – Gebiet, im iranischen und irakischen Kurdistan gesprochen, während die Hewramîsprecher im Irak Luhon-î genannt werden, werden die Sprecher auf der iranischen Seite Taxt-î genannt.

Hewramî teilt sich in folgende Dialekte auf:

Hewramî Luhonî: (Literatursprache) auch Aurami oder Macho genannt wird in den Gebirgen Hewramans und nordöstlich von Halabdscha gesprochen.
Kenûleyî: im Kendul Gebiet nordwestlich von Kermanshah.
Hewramî Textî: wird nördlich von Kermanshah gesprochen.
Bacelanî: wird Südwestlich von Halabdscha und Zengene Gebiet von kleinen Gruppe gesprochen.

Shabakî: wird Südlich von Mosul von kleinen Gruppe gesprochen. Ist dem Hewramî und dem Kirmanckî sehr nah.
Shêxanî: in der Umgebung von Halebche wird diese Mundart gesprochen.

 

 Grammatik

-Phonologie

Die Phonologie des Hewramî ist mit der des Soranî fast identisch, die MacKenzie 1966 wie folgt kategoriesierte:

hewrami-grammati.jpg

Das Hewramî kennt 10 Vokale, wobei 7 von ihnen lang und 3 kurz gesprochen werden.

-Nominalsystem

hewrami-gorani.jpg


Hewramî hat im Gegesatz zum Persischen ein ausgeprägteres Ezafe-System. Hier wird nicht nur der Genus und Numerus unterschieden sondern auch ob es sich um ein definites oder indefinites Nomen handelt. So kennt Hewramî die Suffixmarkierungen: -i, -æ, -e, -u und für den Plural -ae, -a und–an. Der Plural wird durch das Anhängen des Suffixes –ak gebildet, wobei das k im Falle der Ezafe wegfällt.


-Pronomen

Singular

Men, min: ich
To: Du
Aw. er
Awa/a: sie

Plural

Ema, eme: wir
Shima: Ihr
ewe: Sie

-Enklitikon

dilim: mein Herz
dilil: dein Herz
dilish: sein Herz
dilesh: ihr Herz
dilman: unser Herz
diltan: euer Herz
dilshan: Ihr Herz

-Konjugation


Men meru : ich laufe
to merami: du läufst
aw meramo : er läuft
awa meramo: sie läuft
eme mirame: wir laufen
shima meramde: ihr läuft
ewe meramê: Sie laufen


kushtim: ich tötete
kushtil: du hast getötet
kushtish: er tötete
kushtesh: sie tötete
kustman: wir töteten
kusttan: Ihr habt getötet
kushtshan: Sie töteten

Miwinom: er sieht mich
miwinol: er sieht dich
miwino man: er sieht uns
miwino tan: er sieht euch
tom miwino: ich sehe dich


kitew ekem hen: ich habe ein Buch 
kitew ekel hen: du hast ein Buch 
kitew ekesh hen: er/sie hat ein Buch 
kitew ekeman hen: wir haben ein buch 
kitew eketan hen: ihr habt ein Buch 
kitew ekeshan hen: Sie haben ein Buch 



-Zahlen

yue eins
duî : zwei
se : drei
chwar : vier
penc : fünf
shish : sechs
heft : sieben
hesht : acht
no : neun
de : zehn
wist : zwanzig
sad : hundert


-Farben

saws : grün
zard : gelb
sûr : rot
ko : blau


Hewrami vs. Kurmancî/Soranî

Hawramî : Kurmancî : Deutsch
Kurewî Ciwan : Kurekî Ciwan : Ein Junger Mann
Kuru min : kurê min : Mein Junge
Kinachewey Ciwan : Kecheka Ciwan : Junge Mädchen
Kinachewey Cafer : Kechika Cafer : Cafers Tochter

Hawramî : Soranî : Deutsch
Kure ciwan eke : Kure ciwan eke : Junger Mann
Aw kure ciwane : Ew kure ciwane : Der ist junger Mann
Kinache ciwan eke : Kiche ciwan eke : Junge Frau
Î kinache ciwane : Ew Kiche ciwane : Sie ist Junge Frau

Hawramî : Soranî : Kurmancî* : Deutsch
Kitew ekem hen : Kitewekem hen : Kitevekem heye : Ich habe ein Buch
Kitew ekel hen : Kitewekit hen : Kiteweke te heye : Du hast ein Buch
Dilim (Zilim) : Dilim : Dilem : Mein Herz
Dilman (Zilman) : Dilman : Dile me : Unser Herz


 


Quellen: V. Minorsky: The Guran, BSOAS'ta, xi (1943), 75-103; Benedicstsen / Christensen, Les dialectes d'Awroman et de Pawä, Copenhagen 1921; Sores Resî: Horosan Kimin Yurdu?, In: Özgür Politika von 21-Sep. 2003; K. Hadank, Mundarten der Guran, (Oskar Mann)..., Berlin 1930; Amir Hassanpour:The Identity of Hewrami Speakers, in: A. M. Mardoukhi, Edited by Anwar Soltani, In: Anthology of Gorani Kurdish Poetry Compiled, London, 1998. M. Mokri, Cinquante-deux versets ... dialecte Gurani, JA'da, 1956, 391-422. Behrouz Geranpayeh: Yārıstān – die Freunde der Wahrheit, Göttingen 2006.


Hewramî (Hawrami/Hawramani)

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