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Geographie/Demographie: Hewraman (Hawraman/Ovraman)
Geschrieben am Mittwoch, 11. Dezember 2013 von Baran Ruciyar

Geographie

Hewramanoder Hawraman ist eine Gebirgsregion an der persisch-irakische Grenze im zentralen Kurdistan.



Die Gebirgskette Hawraman beginnt nach der Karte von MacKenzie (1966;5) im NW südlich von Pancwîn und Banawa Sûta und reicht südostwärts bis nahe die 35. Breitenlinie. Der 46. Meridian und die Breitenlinie 35° 30´ begrenzen geographisch Hawraman im nördlichen Teil. Im südlichen Teil reicht Hawraman bis in die Stadt Ciwanro (Cûanrud)2, die hauptsächlich von den soranisprachigen Kurden bewohnt wird. Hierzu gehört auch die Stadt Pawe (Pawa), die sprachlich zum Hewramî neigt. Der Kuh-e Hawraman Gebirgzug hat einigen Spitzen von über 2 000 m, die höchsten sind; Şaho 3390 m, Kuh-e Text hat eine Höhe von 2985 m und Kuh-e Salan mit 2.597 m.

 

Die Hauptprodukte des Bereichs sind verschiedene Obstgartenfrüchte, Walnüsse, Abreibeäpfel (für das Bräunen) und Trauben, die ein hohes Ansehen unter der kurdischen Bevölkerung haben. Die Gegend wird von der lokalen Bevölkerung in vier Bereiche aufgeteilt; Hawraman-î Lohun südwestlich von Hawraman liegend, um die Städtchen Nawsud, Hawraman-î Text, umfasst die nördliche Region von Kuh-e Text um Shahrî Oraman („Hawraman Stadt) bis nach Süden von Meriwan´s (vgl. C. J. Edmonds, Kurds, Turks, and Arab.s, London, 1957, siehe Kapitel: Hewraman). Im Nordosten liegt der Bereich Razaw und der Bereich um Pawe wird Shaho genannt. Die wichtigsten Städte in Hawraman sind: Pawa, Razaw, Shahrî Oraman, Beseran, Newsud, Xurmal, Tawela, Palingan und Hacic. (MacKenzie 1966; 5 ff.). Bis zum Giftgasangriff auf Halebche3 1988 war die Stadt auch ein relevantes Zentrum für Hawrami, und so auch aus sozio-kultureller Sicht ein Teil Hawramans – Die Mehrheit von ihnen suchte nach dem Giftgasangriff Zuflucht in den unwegsamen Hawraman Bergen. Damit steigerte sich auch die Einwohnerzahl in Hawraman, heute schätzt man sie auf 250 000 Menschen4.

 

Die Bevölkerung von Hawraman setzt sich hauptsächlich aus den muslimischen5 und yarsanistischen6 Hawrami zusammen, die sich einmal durch ihre Tracht und Aussehen, aber insbesondere sprachlich von den Kurden unterscheiden. (vgl. K. Hadank 1930;4-7) Diese sprächen einen veralteten Dialekt der großen Pahlawanî-Niederlassung der kurdischen Sprache (vgl. Izady 1992; 174), der sich im wesentlichen von den anderen Vernakularen des Kurdischen unterscheiden.

 

Andere Autoren jedoch bringen Hewrami mit kaspischen Sprachen in Verbindung. MacKenzie, Hadank und Christensen (1921; 467-76) klassifizieren diese Sprache unter den kaspischen Dialekten und geben an; die Sprache ist ein Zweig der kaspischen Dialekten. Ethnographisch gesehen identifiziert sich die Bevölkerung jedoch weitestgehend mit den Kurden. „Die meisten Hewramisprecher sehen sich als Kurden. Westliche Gelehrte sehen jedoch das Hewrami als vom Kurdischen unabhängige Sprache an. Die europäischen Wissenschaftler halten im Allgemeinen, dass Gorani [Hewrami] nicht kurdisch ist und die Leute, die es sprechen, nicht Kurden sind; aber die Sprecher selbst sehen sich als Kurden und das in jeder Hinsicht“ (Edmonds 1957:10)

 

Über die Ankunft dieser Bevölkerungsgruppe in den Hawraman Bergen herrscht unter den Kurdologen Meinungsverschiedenheit. Die erste Erwähnung der Hawrami (bzw. Gûrani7) an der Kirmanshan-Bagdad Straße gehen auf das 14. Jahrhundert zurück. Eine Quelle stammt von dem ägyptischen Gelehrten Shibab ad-Din al-Umari, der (1343) über die Kurden schrieb und dabei ebenfalls die Gûran erwähnte: „In den Bergen vom Hamadan und Şehrizor findet man ein kurdisches Volk namens Gûran = Hewramî (al-Kûranîya); es ist ein sehr kriegerisches Volk und besteht aus Kriegern und Bauern“. (Vgl. Bruinessen 1989; 144) Ein auf den 5. Februar 53 n. Chr. datiertes, in griechischer Schrift verfasstes Dokument in parthischer Sprache8 in Hawraman entdeckt, (bekannt unter den Namen „Awroman-Dokument“) auf jener Sprache, der proto-Nordwestiranische Völker zu denen auch die Kurden zugerechnet werden (H. Kees 1977; 28 ff.). Das könnte die Vermutung von Hasanpour, der bisher der Ansicht war, dass die Hawrami, mind. schon seit 3 000 Jahren in Hawraman ansässig sind, rechtfertigen.

 

Bis Anfang des 19. Jahrhundert lebten die Hawrami völlig autonom in den unwegsamen Hawraman Bergen. Sie waren wahrscheinlich anderen Stammes-Dynastien nicht unterworfen und zahlten auch keine Kopfsteuern an jene. Ihre Clanchefs verwendeten, bevor sie alle Ende des 1. Weltkrieges von der persischen und irakischen Zentralregierungen entmachtet und manche sogar getötet wurden, den Titel „Sha“, dass sich wohl von persischen „Shah“ entlehnt haben könnte. Die einflussreichste Familien in Hawraman waren die Idshani Hama-Hama-Sa Familie in Lohon, die Hasan-Shan in Text, die Hahram-Bagi in Dezli und die Mostafa-Shan in Razaw. Im 19. Jahrhundert begannen diese Bagzada-Familien ihren Einfluss auszudehnen, so unterwarfen sie erobarten sie Bashara und Tawela, was damals das Zentrum der Naqshîbendî Scheichs war. (Edmonds 1957; 10 ff.)

 

Während des Aufstandes von Scheich Mahmud Berzenji vereinten sich die Hawrami mit Berzenji und zogen an der Seite von Berzenji in den Krieg gegen die Engländer, die damals Südkurdistan besetzt hatten. Am 22. Mai 1919 befreiten die beiden Stammeskonföderationen der Hawrami Silêmanî auf Befehl von Berzenji von den Engländern. 

 

Im letzten Jahrhundert wurde das Gebiet um die Hawraman Berge mehrmals Schauplatz persischer und arabischer Kriegszüge gegen das kurdische Volk. 1979 eskalierte in Hawraman die Situation gegen die persische Zentralmacht. Die ausgelösten Unruhen wurden blutig von der persischen Luftwaffe niedergeschlagen. 9 Jahre später wurde Hawraman von der irakischen Luftwaffe mit Giftgas angegriffen.

 


Quellen: MacKenzie, N. D.: Ovraman, in: EncIr. ders.: The Dialect of Awroman (Hawraman-i Luhon), Copenhagen, 1966. Edmonds, C. J.: Kurds, Turks, and Arabs, London, 1957. Karl Hadank: Mundarten der Guran. Berlin 1930. Izady, M. R.: The Kurds, Washington 1992. Van Bruinessen, M. M. Agha, Scheich und Staat, Berlin 1989. Hassanpor, E.: The Identity of Hewrami Speakers: Reflections on the Theory and Ideology of Comparative Philology, Published in:Anthology of Gorani Kurdish Poetry Compiled by A. M. Mardoukhi, Edited by Anwar Soltani London, 1998. Christensen, A.: Les dialectes d'Awroman et de Pawä, Copenhagen 1921.

 

 


 

1 Kurdisch/Hewramî; Oraman oder Hewraman, arabisch; Awraman, persisch; Ovraman. Einige Gelehrte führen den Namen auf „Ahuraman“ zurück, das in Verbindung mit den Namen Ahure Mazda (Schöpfer im zartoshtischen/zoroastrischen Glauben) stehen soll.

 

2 Minorsky, E.I. VI. S. 242; „SENNA“, erklärt den Namen als „Fluss der Caff“.

 

3 Nähere Informationen auf; http://www.halabja.de.vu/ (letzter Besuch am 25.01.2008)

 

4 es liegen keine Quellen diesbezüglich vor, allerdings beträgt allein die Einwohnerzahl der Stadt Pawa heute ca. 100 000 Menschen. Demnach könnten die Schätzung durchaus stimmen.

 

5 Hawraman ist seit jeher Zentrum des Naqshibend Ordens in Kurdistan. Der Stamm Shêxan in Hawraman-i Text hat einen hohen Rang unter den Sheikh Familien in Kurdistan. Für ausführliche Informationen bezüglich Islam in Hawraman: http://findarticles.com/p/articles/mi_m0SBL/is_1-2_19/ai_n15954365/pg_1 (letzter Besuch am 01.03.08) 

 

6 Auch in der yarsanistischen Mythologie nimmt Hawraman eine besondere Stelle ein. Des weiteren unternehmen auch Anhänger der verschiedenen Zardoshtî-Sekten Pilgerreisen nach Hawraman.

 

7 Şerefxan Bedlîse unterteilt die Kurden in vier Gruppen, die sich sprachlich und kulturell „geringfügig“ unterscheiden. Das wären: die Kurmanc, die Kelhur, die Luren und die Goran. Wobei der Name Goran sich im Laufe der Geschichte in Gûran umgewandelt hat

 

8 Siehe zur Relation zwischen Hewrami/Kirmancki und Parthisch: Vortag; Die historische Entwicklung der Zaza-Sprache" von Jost Gippert (1996). >http://www.zazaki.de/deutsch/aufsaezte/EntwicklungZSpr_A5.pdf (letzter Besuch am 01.03.2008)


Hewraman (Hawraman/Ovraman)

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