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Gesellschaft: Identität in der europäischen Diaspora
Geschrieben am Samstag, 29. August 2015 von rinret

Diaspora

Um die Identität der Kurden in der Diaspora genauer zu untersuchen, muss man zunächst die Gründe, die zu einer Abwanderung aus der Heimat führten, näher beleuchten.

Die absolute Mehrheit der Kurden, die die Diaspora wählten, kam nicht freiwillig. Sie waren gezwungen zu gehen, weil es ihnen in ihrer Heimat unmöglich war, ihre Kultur zu leben; sie gelten als politisch oder religiös Verfolgte in ihrem Heimatstaat oder waren solchen Repressalien wegen ihrer Kultur durch die Besatzer ausgesetzt, dass sie keine andere Möglichkeit mehr sahen, das vertraute Heim Richtung Fremde zu verlassen.

Damit ist es fast allen Kurden unmöglich, im Gegensatz zu den „Gastarbeitern“, jemals wieder in ihre Heimat zurückzukehren, vielen ist sogar ein Besuch in der Heimat verwehrt.

Die Kurden in Europa waren damit gezwungen, sich hier eine neue Heimat einzurichten, die von ihnen eigentlich ungewollt war.

Da man aber von den Kurden ständig eine Anpassung an eine andere Identität verlangt, sei es zum Beispiel in der Türkei, wo nur der als ein fortschrittlicher und guter Bürger gilt, der sich als Türke sieht[i] oder sei es in der Diaspora, wo von den Kurden ebenfalls verlangt wird, sich der hiesigen Kultur anzupassen oder man sie aus Unkenntnis einfach mit dem Land identifiziert, von dem sie kommen, führt dies bei den Kurden entweder zu einem verstärkten Festhalten an der eigenen Kultur, die gegen alle neuen Einflüsse verteidigt wird oder zu einem totalen Identitätsverlust, dass am Ende sogar psychische Störrungen auslösen kann. Außerdem sollte hier noch angemerkt werden, dass, dies gilt vor allem für politische Asylsuchende, viele unter ihnen mit einem tiefen psychischen Trauma hier ankamen, das aus den Gefängnisaufenthalten in der Heimat verbunden mit unvorstellbarerer ausgeübter Folter herrührt. Aus dieser Lage werden sie nun mit einer völlig neuen Kultur konfrontiert, die so gar nicht ihrer entspricht; und hierbei sollte man immer den Hauptgrund sich vor Augen halten – das erste Ziel der Kurden, woraus auch ihr Kampf in der Heimat entstanden ist, ist die Erhaltung ihrer eigenen Kultur und das sich Wehren gegen die Assimilation hin zu anderen Kulturen.

Mit dieser Situation waren nicht nur die Kurden sondern auch die Staaten der Diaspora überfordert. Es gab und gibt noch kein richtiges Konzept, wie man mit diesen Menschen umgeht, wie man sie trotz der so unterschiedlichen Lebensweise in die europäische Gemeinschaft eingliedert, ohne die Identität der Kurden und ihre eigene Kultur zu zerstören.

 

Die deutsche Kultur und Sitten hinterlässt ihre größte Spur an den Kurden der 2. und 3. Generation und an denen, die als Kinder hierher kamen. Dies bedeutet aber nicht, dass sie in die europäische Gesellschaft integriert sind, sondern zwischen beiden Kulturen stehen und meist nicht wissen, wohin sie gehören.[ii]

Ein einschneidender Schritt für die kurdischen Kinder ist zum Beispiel der Schulbesuch. Das europäische Schulsystem ist vollkommen auf die Werte der hiesigen Kultur zugeschnitten und bereitet die Kinder auf ein Leben in dieser Gesellschaft vor. Das bedeutet, dass hier zwei Gesellschaftssysteme aufeinanderprallen, die eine völlig unterschiedliche Wertvorstellung aufweisen. Zu Hause erleben sie ein aus kurdischer Tradition begründetes autoritäres System, in der Schule einen für sie lockeren Umgang mit dem Lehrer.[iii] Wie Kizilhan[iv] schreibt und wie auch ich in Interviews feststellen konnte, ruft der Umgang mit dem Lehrer in europäischen Schulen eher Unverständnis hervor. Diese Situation wiederum führt die Jugendlichen dazu, die Lage zu testen, wie weit sie in ihrer „Freiheit“ gehen können und übertreten dabei nicht selten die Grenzen. Gleichzeit führt dieses Verhalten zu Konflikten mit der Familie, die Widerspruch gegenüber Älteren und vor allem nicht gegenüber dem Familienvorstand dulden, denn oftmals wird das Austesten dieser Grenzen auch in die Familie übertragen.

Diese Konflikte verbunden mit oftmals auftretenden Sprachproblemen hat negativen Einfluss auf das Lernverhalten der kurdischen Kinder. Da die europäischen Lehrer, meist aus Unkenntnis zur kurdischen Kultur, mit dieser Situation überfordert sind, werden diese Schüler oftmals ins Abseits gedrängt, was ihnen einen guten Schulabschluss verwehrt. So ist es nicht verwunderlich, dass gerade Migranten lediglich einen Hauptschulabschluss aufweisen[v]. Diese Tatsache, dass den Migranten schon als Jugendliche ein Weg vorgezeichnet wird, der sich in der unteren Schicht der europäischen Gesellschaft entlang zieht, wirken einer Integration der Migranten in das europäische System eher entgegen.[vi]

Eines der größten Probleme, auf das die kurdische Kultur hier in Europa stößt ist die Individualität des Einzelnen. In der kurdischen Familie hat das einzelne Individuum keinen Stellenwert, die Familie wird als Ganzes angesehen und aus diesem Grund sind die Handlungen der einzelnen Mitglieder gleichzusetzen mit den Handlungen der gesamten Familie. So stellen das Verhalten, gerade von Mitgliedern, die sich an das europäische Leben mehr anpassten als vielleicht die ältere Generation, oftmals einen Entfront für die gesamte Familie dar.[vii]

Wie weit meist die 2. und 3. Generation assimiliert ist und wie gleichzeitig entfernt von der europäischen Gesellschaft sie sind, zeigt sich auch an der Sprache, die ein Mischmasch aus beiden darstellt. Die meisten kurdischen Familien sind innerhalb der Familie multilingual, die 1. Generation spricht vor allem die Amtssprache des Herkunftslandes und ihren jeweiligen kurdischen Dialekt/Sprache. Die Kinder sprechen durch den Schulbesuch sehr gut Deutsch und eine weitere Sprache aus dem Herkunftsland. Meist wurden sie von ihren Eltern nur bilingual erzogen, da sie glaubten, eine weitere Sprache würde das Kind überfordern; ob es sich bei der Sprache neben Deutsch nun um Kurdisch oder die Amtsprache des Herkunftslandes handelt, ist von Familie zu Familie verschieden.[viii]

Hervorgehoben sollte hier aber werden, dass durch die oben schon genannte Wichtigkeit der Erhaltung der eigenen Kultur die kurdische Sprache(n) einen besonderen Stellenwert innerhalb der Familie einnimmt, vor allem, da es in den Herkunftsländern oftmals verboten war, Kurdisch zu sprechen.[ix]

 

Eine wichtige Aufgabe zur Erhaltung der Kultur vor allem bei den Jugendlichen der 2. und 3. Generation übernehmen auch die kurdischen Vereine, die das Kurdentum, natürlich immer im Licht ihrer eigenen politischen Ideologie, immer wieder aufleben lassen, eine wichtige Funktion. Doch auch der Verein kann Konflikte auslösen, die innerhalb der kurdischen Generationen ausgetragen werden.[x] Die Jungendlichen werden dann nicht nur mit den innerfamiliären Vorwürfen konfrontiert, sondern sie hadern auch mit ihrer Identität. Denn oftmals entsteht hier der Vorwurf, sie würden sich von der eigenen Kultur zu sehr entfernen und damit die kurdische Sache verraten. Auch hier wird wieder die Frage nach der eigentlichen Identität aufgeworfen, was eine zusätzliche psychische Krise auslösen kann.[xi]

Ein weiterer Identitätskonflikt, der in der Diaspora aufbricht, sind die inneren kurdischen Konflikte, die eine so reiche Kultur verursacht. Da die Kurden nie einen eigenen Staat hatten und historisch in einer tribalen Gesellschaft organisiert waren, sind die Unterschiede innerhalb des Kurdentums, vor allem sei hier Sprache und Religion genannt, größer als bei anderen Völkern. Diese Unterschiede wurden in der Heimat immer wieder dazu benutzt, um die Kurden zu spalten und die jeweiligen Teile des Volkes für den Eigennutz der jeweiligen Besatzer auszuschlachten. So konnte unter den Kurden bisher keine große Akzeptanz zum Anderssein geweckt werden, da sie hierin eher eine Spaltung sehen, wenn man diese Vielfältigkeit betont. Dieser Konflikt wurde auch in die Diaspora mitgenommen und hat sich hier weiterentwickelt. Dies kann soweit gehen, dass zum Beispiel ein  Kurde/-in, der zum Beispiel seinen ersten Lebensabschnitt in der Heimat verbracht hat, bis zu vier Identitäten hat: So hat ein Zaza zum Beispiel, oftmals bedingt durch die andere Sprache[xii] oder Religion[xiii] eine Identität als Zaza, sieht sich aber oftmals auch als Kurde. Da er in der Heimat geboren wurde und dort vielleicht die Schule besuchte, ist an ihm auch die strikte türkische Assimilation nicht vorbeigegangen, die ebenfalls Spuren hinterließ und nun kommt die Identität der Diaspora hinzu, die ihm ebenfalls einen Stempel in seiner Kultur aufdrückt.

Dieses Identitätschaos wird noch durch den Druck der kurdischen Gemeinde verstärkt, die eigene – kurdische – Identität niemals zu vergessen, und sie als einzigste anzusehen, doch kann man die anderen drei nicht einfach beiseite schieben, zumal sie auch innerhalb der kurdischen Gesellschaft bemerkt werden.

Diese ganze Situation, die teilweise durch die Lage in den Besatzerländer vorherbestimmt wurde und hier durch die geforderte Integration weitergeführt wird, lässt es den Kurden schwer machen, hier eine neue Heimat zu finden.


[i] dies gilt ebenso für die anderen Staaten auf die Kurdistan aufgeteilt ist

[ii] Die Schuld muss man hier auch bei der europäischen/deutschen Gesellschaft suchen, die die Migranten allgemein immer als Ausländer (oftmals allein wegen physischen Unterschieden) ansieht.

[iii] Hier muss auch noch erwähnt werden, dass im kurdischem Gebiet, egal welcher Staat, der Lehrer als absolute Respektsperson gilt, dem man niemals widersprechen kann. Was der Lehrer sagt, wird akzeptiert.

[iv] Kizilhan, I:. Der Sturz nach oben. Kurden in Deutschland. Frankfurt/M., 1994/95

[v] da oftmals auch deren Eltern aus Mangel an ausreichenden Sprachkenntnissen und dem ungenügenden Wissen über das hiesige Schulsystem nicht einschreiten, bleibt vielen ein Abschluss auf einem Gymnasium verwehrt.

[vi] stat. Angaben zum Schulabschluss für Migranten aus der Türei: 51,6% Hauptschulabschluss, 17,4% Realschulabschluss, 8,6% Abitur;  13,1, %  keinen Schulabschluss (Kizilhan, S.115)

[vii] Besondere Probleme ergeben sich hier, wenn der Betroffene eine Frau ist, die in der kurdischen Gesellschaft, besonders unter den streng religiösen Kurden, die Ehre (namûs) der Familie hochhält. Aber dies soll hier nicht Thema sein

[viii] wichtig hierbei ist der Patriotismus der Eltern, die die Sprachen der Besatzer entweder vollkommen aus dem Alltagsleben verbanden und strikt nur Kurdisch sprechen oder aber gerade diese Sprache an ihre Kinder weitergeben, um sie nicht gänzlich vom Herkunftsland zu entfernen, da hier oftmals noch Verwandte leben, die im Sommer besucht werden.

[ix] mir erzählten manche jugendliche Migranten, die ihre Kindheit noch in der Heimat verbrachten, dass sie erst hier in der Diaspora Kurdisch lernten. Andere wiederum, die nur mit der Amtssprache des Herkunftslandes (dies gilt vor allem für die Türkei) großgezogen worden und durch die Schule perfekt Deutsch lernten, besuchen nun hier Sprachkurse, um ihre Muttersprache zu lernen.

[x] dies kann politische/religiöse Gründe haben oder auch ethnische, wie die Diskussion über die Zaza-Identität

[xi] Angefügt sollte hier auch noch werden, dass die kurdische Gesellschaft ein Adoleszenzproblem, wie es im europäischen Kulturraum vorhanden ist, nicht kennt. Durch die autoritäre Erziehung und das bedingungslose Akzeptieren des Wortes der Älteren kommt diese Entwicklung nicht an die Oberfläche. Bei meinen Forschungen ist mir aufgefallen, dass diese Entwicklung der jungen Leute zwar auch vorhanden ist, sich aber viel später bemerkbar macht und durch den geforderten Respekt gegenüber den Eltern nicht richtig zu Tage tritt. Es kommt zwar zu Problemen zwischen Kindern und Eltern, doch eine Löslösung von der Familie zum eigenständigen selbstständigen Individuum kann es schon aus kulturellen Gründen, die ich im Text erläuterte, niemals führen.

[xii] über die Sprache der Zazas existieren in der Linguistik 2 Theorien: die eine sieht Zazaki als Dialekt der kurdischen Sprache, die andere sieht Zazaki als eine eigenständige Sprache an, die aber mit den kurdischen Dialekten eng verwandt ist

[xiii] die Mehrheit der Zazas sind Aleviten, die Kurmanc dagegen eher Sunniten


Identität in der europäischen Diaspora

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