KURDICA - Die Kurdische Enzyklopädie  
  Willkommen Home |  Über Kurdica |  Gästebuch |  Sponsoren |  Feedback  
Suchen


Menü

Gesellschaft: Kelawspî
Geschrieben am Donnerstag, 02. Februar 2012 von Baran Ruciyar

Gesellschaft

Kelawspî (übersetzt: Weiße Mütze also Weißmützen), bezeichnet in Kurdistan: I. Die einstigen Hewramî-Soldaten, die nach ihren Hut des Kelawspî benannt wurden. II. eine unterworfene nicht-tribale (detribalisierte?) Bauernschicht in Zentralkurdistan.



1787 erwähnte der italienische Mönch Garzoni zum erstem Mal in der westlichen Literatur das Wort Kelawspî (seine Version Kelowspee)1. Der Holländer Lycklama a Nijeholt bezeugte als erster die Kopfbedeckung der Hewramî-Kurden in Hacîc. Er berichtet von einem Mann in der Nähe von Sine2, der eine Mütze in Form eines nach hinten gekrümmten Hörnchens trägt.

Hadank scheint sich sicher zu sein, dass es hier bei dieser Kopfbedeckung um eine Eigentümlichkeit der Tracht der Hewramî handeln muss, und fügt hinzu, dass gerade diese Kopfbedeckung ursprünglich3 die Hewramî- und Becalanî-Kurden von ihren Nachbarn den “Kurden“ und den Persern unterscheidet. Er argumentiert anhand dieses „hewramanspezifischen“ Trachtmerkmals, dass die Hewraman-Bewohner und die Angehörigen des Gûran-Stammes keine Kurden wären. Doch die angeführten Trachtenmerkmale aus jeglichen Regionen Kurdistans im Verglich mit der Hewramî-Tracht lassen Zweifel hochkommen, er scheint sich über die verschiedenen Trachten der Kurden nicht bewusst zu sein - oder er ignoriert es bewusst, um die "ethnische Eigenständigkeit der Gûran" beweisen zu können4. Wie auch Hadank selbst schreibt, wurden Mützen dieser Art auch weit von Hewraman in Nordkurdistan, Chebaxur und Chulemerg getragen, die jedoch meist rotfarbig geprägt waren.

Eines der wenigen Abbildungen der Kurden mit diesen Mützen befinden sich bei Rich5, der während seines Aufenthaltes in Sine (Sanandaj) zwei Hewramî-Soldaten (siehe Bild) zeichnete. Diese nach ihrer Kopfbedeckung (der Kelawspî) benannten Hewramî-Soldaten stellten die Palastwachen in Sine, die aus etwa Hundert Hewraman-Kriegern bestand - Bruinessen nennt sie "finsteren Hewramî-Soldaten", die den Palast der Erdelan-Fürsten bewachten, jenem die bekanntlich ziemlich nah der Kultur und Sprache der Hewramî-Kurden standen (vgl. Erdelan und Erdelan-Fürsten). Die Kopfbedeckung dieser Hewramî-Soldaten zeigt oben eine Art "Horn", unten läuft sie in vier langen Streifen aus. Zwei dieser Streifen schützen die Ohren, die anderen zwei scheinen hinten die Haare zu bedecken.

Wie wir auch aus den Berichten von Rich6 und Bruinessen7 wissen, wurde auch eine abhängige Bauernschicht bei den Bilbas-Kurden, einst eine Stammeskonföderation in Zentralkurdistan, die zu Beginn des 20 Jh. auseinadergegangen ist, Kelawspî genannt. Hadank ist auch sich hier wieder ganz sicher, dass es sich um die "Gûran" handeln muss, die von den Bilbas Kelawspî genannt wurden.

hewraman-soldate.jpg

Die Tatsache, dass die Etymologie dieses Begriffs im Kurdischem (Soranî) zugrunde liegt, beweist, dass die Mütze selbst nicht nur von den Hewramî getragen wurde und dass die Bezeichnung der Bauern nach dieser Mütze nicht unbedingt mit ihnen in Verbindung gebracht werden muss. Im Mukri Epos "Braimok" begegnet man dem Ausdruck "kulawekî chuarkucik" = eine Mütze mit vier Klappen, Oskar Mann übersetzt ihn als "Kopfbedeckung der Bettler"8. Vermutlich wurde diese Mütze nicht nur von den Hewramî-Kurden getragen sondern auch von jenen im Bilbas-Territorium, die nicht unbedingt hewramisprachig sein müssen, denn wie uns auch Bruinessen mitteilt, wurden Bauern weit entfernt vom Gûran-Territorium "gûran" genannt, obwohl sie weder gûranî(hewramî)sprachig noch aus dem Gûran-Gebiet eingewandert waren.  

 


 

1Garzoni, M.: Grammatica e Vocabolario della Lingua Kurda (Roma, 1787), S. 99.

 

2Persisch: Sanandaj. Übrigens das Dorf soll Graousséh geheißt haben, das laut Hadank (Mundarten der Gûran. s. 5, Fußnote 3) etwa 6 km südlich von Sine lag – wahrscheinlich heute ein Vorort derselben Stadt. 

 

3Diese Kelawspî Mützen werden seit dem Beginn des 20. Jh. nicht mehr getragen (vgl. Mundarten der Gûran, s. 5).

 

4Ebenda s. 5-9.

 

5Rich, J.: "Narrative of a Residence in Koordistan", London 1836, s. 202.

 

6Ebenda s. 152.

 

7Man konsultiere hierzu van Bruinessen, Martin: Agha, Scheich und Staat, die Politik und Gesellschaft Kurdistan. Berlin 2003.

 

8Mann, Oskar: Die Mundart der Mukri-Kurden Teil II. Berlin 1909, s. 213. 


Kelawspî

Keine anonymen Kommentare möglich, bitte zuerst anmelden

Für den Inhalt der Kommentare sind die Verfasser verantwortlich.



Die Artikel sind geistiges Eigentum des/der jeweiligen Autoren,
alles andere © 2008 - 2017 by KURDICA - Die Kurdische Enzyklopädie
Seitenerstellung in 0.0396 Sekunden, mit 17 Datenbank-Abfragen | Kurdistan Online Magazin