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Literatur/Sprache: Kurdische Volksliteratur
Geschrieben am Sonntag, 14. September 2008 von Baran Ruciyar

Kultur

Eine wichtige Rolle in der kurdischen Kultur spielen die Sprichwörter. Bis heute sind etwa 10´000 Sprichwörter gesammelt worden.



Im Rahmen der traditionellen Gesellschaft haben Sprichwörter in einer Diskussion das Gewicht von Argumenten. Die Untersuchung von Sprichwörtern ist interessant, weil sich darin viel von der Alltagskultur und Mentalität der Kurden zeigt. „Shêr shêr e, chi jin e chi mêr e“ („Löwe ist Löwe, ob Frau oder Mann“) Dieses Sprichwort zeigt, dass das Können eines Menschen, wichtig ist und nicht sein Geschlecht. Denn wenn jemand von einem Löwen angegriffen wird, spielt es keine Rolle, ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelt:

„Zikê bixwe sawarê, divê here hawarê“: „Der Bauch, der von Pilaw isst, muss dem Ruf zu den Waffen folgen“. Damit ist gemeint, dass jemand, der irgendwo zu Gast ist, dem Hausherrn helfen muss, wenn dieser angegriffen wird. Dies ist eine wichtige Regel in einer Gesellschaft, in der es immer wieder zu Scharmützeln zwischen Stämmen oder Dörfern kommt. Eine eher philosophisches Sprichwort ist das folgende:“Dinya gulek e, bihn bike, û wê bide hevalê xwe“: „Die Welt ist eine Rose, rieche daran und gib sie deinem Freund weiter“.

Mache Sprichwörter sind nur verständlich, wenn man die Geschichte kennt, auf die sie sich beziehen: Eine Schwiegermutter wollte verhindern, dass ihre Schwiegertochter sich unkontrolliert hinter ihre Vorräte hermachte. Daher streute sie in der Vorratskammer Mehl auf den Boden, um die Spuren zu sehen. Ihre Schwiegertochter namens Perê, die die List erkannt hatte, ritt auf einem Esel in die Vorratskammer. Als die Schwiegermutter die Vorratskammer kontrollierte, fand sie nur die Spuren des Esels im Mehl, doch die Vorräte waren weg. Sie sagte „Sim simê kerê ye, fêl fêlê Perê ye“: „Die Spur ist die des Esels, die List ist die von Perê“.

Heute benutzt man dieses Sprichwort, wenn man weiß, wer hinter einer Tat steckt, es aber nicht beweisen kann.

 

Sehr verbreitet sind auch Fabeln und Märchen. Neben Zaubermärchen, in denen der Held verschiedene Proben bestehen muss, um zum Beispiel die Frau, die er liebt, zu gewinnen, gibt es auch Tierfabeln, wie wir sie zum Beispiel von La Fontaine kennen. Beliebt sind auch Lügengeschichten und Schwänke, in denen sich häufig Kritik an den sozialen Zuständen und ein sich gar nicht durch Frömmigkeit auszeichnendes Verhältnisse zur Religion und ihren Vertretern widerspiegeln. Es gibt auch lustige Geschichten von Frauen, die ihre Männer überlisten. Ebenfalls zum Bereich der einfachen mündlichen Literatur sind die Anekdoten und Witze zu zählen. In vielen dieser Witze machen sich die Kurden über sich selber lustig.

 

Ein beliebtes Thema ist das Problem, dass die Kurden mit ihrer Sprache haben. So wird erzählt, eines Tages habe ein Mann aus Marash den Dichter Cîgerxwîn besucht. Die Leute aus Marash sprechen ein Kurdisch, das sehr stark mit dem Türkischem vermischt ist. Der Mann aus Marash unterhält sich eine Zeitlang mit Cîgerxwîn, dann fragte er ihn, was er von seinem Kurdisch halte. Der Dichter antwortet ihm: „Lass doch bitte die kurdischen Wörter weg, dann ist dein Türkisch ausgezeichnet.“

 

Zur Volksliteratur zu zählen sind auch die unzähligen Lieder, die es in vielen Varianten gibt. So gibt es Arbeitslieder, Totenklagen, Lieder für Hochzeiten oder Wiegenlieder. Die sogenannten Herbstlieder erinnern zuerst an die Herbstlandschaft und den kommenden Winter, dann an den Almabzug, der die schöne Zeit beendet, wo sich junge Liebende treffen konnten:

Der Herbst ist da, und ich bin noch nicht auf den Winter vorbereitet! Die hohen Gipfel sind mit Wolken bedeckt, die tiefen Täler lechzen nach Regen. Warum kann ich nicht von Tirbikê Shêxa die Gefährtin meines schlanken Freundes werden! Der Herbst ist da, und ich bin noch nicht auf den Winter vorbereitet! Die Gipfel sind bedeckt, die Wolken hüllen den Gipfel von Dêrebûn ein. Freund, armer Freund, unglücklicher Freund, warum hast du im letzten Jahr während Sommerlagers nichts gesagt? Heute ist der Herbst gekommen, jetzt ist die Zeit des Abschieds da: die Zelte werden sich in alle Winde zerstreuen!

 

Der Text eines einfachen Tanzliedes lautet etwa so:

 

Vor den Häusern Bäume,

Hinter den Häusern Bäume,

 

In jedem Haus eine Freundin,

Mit einem Tuch auf dem Kopf.

 

Vor den Häusern Nussbäume.

Hinter den Häusern Nussbäume,

 

In jedem Haus ein Mädchen

Mit Schmuck aus Münzen auf dem Kopf.

 

Vor den Häusern Kirchenerbsen

Hinter den Häusern Kirchenerbsen

 

In jedem Haus eine Braut,

Mit Brautschmuck auf dem Kopf.

 

 

Natürlich gibt es auch viele Liebeslieder. Das folgende ist eines der bekanntesten. Meine Übersetzung tönt vielleicht etwas seltsam und fremdartig, doch dieser Stil, in dem zwischen den einzelnen Versen oft wenig Zusammenhang besteht, findet sich in vielen Lieder. Wenn man das Lied hört, ist klar, dass es sich um eine Klage handelt. Der Sänger ist ein junger Mann aus der Fremde, der sich in ein Mädchen namens Xezal verliebt hat. Sie mag ihn zwar auch, doch offenbar will sie sich nicht von ihm entführen lassen. Schließlich hält ein anderer Mann um ihre Hand an (Xezala chîyayê Shengalê: Xezal von Shengalbergen):

 

 

Xezal, Xezal, ach weh

Heute sah ich wie die Familie meiner Xezal fortzog,

Sie ist auf die Sommerweide gezogen, ...ach wie schwer.

Mein Herz brannte, sein Kummer ist groß, Xezalê, weh

Ich werde diesen Kummer und dieses Herz zu dir bringen

Zu den Zigeunersänger... ach wie schwer.

 

Liebe Dorfbewohner, liebe Nachbarn, wisst ihr denn nicht

Das Gesicht von meiner Xezal ist von Küssen rot geworden wie Tomaten.

Meine Xezal ist (auf mich) böse geworden, liebe Dörfler und Nachbarn

Ich weiß nicht warum, was ich mit den Mädchen los ist,

Sie kommt nicht auf dem Weg, ach.

 

 

 


Quelle: Tanja Duncker, Einblicke in die Kurdische Literatur IN: Kurdistan und Europa – Einblicke in die kurdische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Hg. Hans-Lukas Kieser Zürich: Chronos, 1997 S. 32 ff.


Kurdische Volksliteratur

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