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Religion: Mar Shimun XVII
Geschrieben am Montag, 29. September 2008 von rinret

Religion

Mar Shimun XVII. Oberhaupt der Nestorianer in Qodshanis von 1820/25 - 1860.

Nach dem Konsil von Ephesus  im Jahre 431 spaltete sich die östliche Kirche von der christlichen Glaubensgemeinschaft ab. Grund war die Nichtakzeptanz der Nestorianer zum Monophysitismus[i], die in der Figur des Jesus zwei Personen sehen, eine göttliche und eine menschliche Gestalt.

Die Nestorianer[ii] sind von dem Patriarchat von Antiochia. Mit dem Einfall der Mongolen beschränkte sich das Gebiet der nestorianischen Kirche auf das Gebiet zwischen Hakkari und Urmiesee, d.h. sie waren auf zwei Gebiete, dem Osmanischen Reich und Persien, aufgeteilt.

1562 existierten fünf ostsyrische Bischofssitze allein in der Gegend um Urmia. Entstanden ist diese Spaltung durch den Streit der erblichen Nachfolge, den die Bischöfe von Arbela, Urmia und Salmas nicht mehr hinnehmen wollten und wählten damit 1552 einen Gegenpatriarchen namens Yuhana Sulaqa, der sich den Namen Johannes VIII gab und sich an die römisch-katholische Kirche anschloss. Jedoch wurde er am Ende nur von den Gemeinden Mardin und Diyarbakir anerkannt. Der erbliche Nachfolger Mar Shimun VIII ließ daraufhin Sulaqa durch die Osmanen verhaften und 1555 ermordet. Die Auflehnung über die erbliche Nachfolge fand darin jedoch nicht ihr Ende und Abdisho IV. wurde als neuer Gegenpatriarch gewählt.

Im 18. Jh. bestand somit das Katholikat von Alqosh, das „bergnestorianische“ Patriarchat von Qodshanis, die ebenfalls mit Rom in Verbindung standen, und das „chaldäische“ Patriarchat von Diyarbakir.

Bis zum 19. Jh. lebten die Christen unter den kurdischen Sunniten relativ unbehelligt. Sie standen unter dem Schutz der kurdischen Oberhäupter und mussten im Gegenzug Steuerabgaben leisten. Ab dem 19. Jh. begannen nahm der Einfluss der Russen auf die Nestorianer zu, und sie bildeten mit ihnen 1826 und 1896 eine Union mit der russisch-orthodoxen Kirche, während die Franzosen die mit der römisch-katholischen Kirche unierten Chaldäer unterstützten. Im Laufe des Jahrhunderts kamen immer mehr Missionare aus Europa und den USA nach Mesopotamien, um die dortigen Christen näher an sich zu binden[iii], in dem sie in den Chaldäern und Nestorianern die verlorenen Völker Israels sahen.

Zu dieser Zeit war der Patriarch der Nestorianer Mar Shimun XVII Auhraman und auf kurdischer Seite war es die Zeit von Bedir Khan Beg (Bedirxan Beg), zwar durch Anwendung rigoroser Strenge, aber dem Emirat Botan neuen Glanz verlieh.

Die Nestorianer waren trotz ihrer Steuerabgaben relativ unabhängig und ebenso in Stammesverbänden organisiert wie die Kurden. Andere wiederum waren Bauern, die den örtlichen Aghas unterstanden. Trotz allem erhofften sie sich nach der Niederlage der Osmanen gegen die Russen mehr Unabhängigkeit von den kurdischen Muslimen. Aus diesem Grund hießen sie die Missionare sehr willkommen, da sie durch die Amerikaner und Briten eine Weg in ihre Unabhängigkeit sahen. Mar Shimun XVII erlangte damit noch nie zuvor erreichte Macht, die wiederum von den Kurden äußerst kritisch betrachtet wurde, aber auch einige Nestorianer verstimmte.

Auch die Missionare, die ihre Einrichtungen in den Gebieten wie Festungen erbauten, unternahmen nichts, dass Misstrauen der Kurden zu besänftigen, wodurch das anfängliche Misstrauen schnell in ein Gefühl des Bedrohenseins unter den Kurden wechselte. Der Höhepunkt wurde erreicht, als 1843 sich die Nestorianer von Hekari[iv] weigerten, dem Mîr die jährlichen Steuergelder zu zählen, der daraufhin Bedir Khan Beg um Unterstützung bat, der ein 3000 starkes Heer entsandte. Die ganze Spannung und Verärgerung der Kurden entlud sich hier und führte zu einem schrecklichen Massaker an den Nestorianern. Mar Shimun selbst flüchtete ins britische Konsulat nach Mossul und bat von dort aus den Primas von Canterbury um Hilfe. Der mit ihm geflüchtete Missionar Grant bestätigte nach seiner Rückkehr nach England schließlich die Ereignisse, was zur Empörung Englands und nicht zu letzt zur Einleitung des Sturzes von Bedir Khan Beg führte. Einige Monate später kam es zu erneuten Angriffen und Massakern an den Nestorianer, in dem 3000 Christen ihr Leben ließen und unter ihnen auch der Bruder von Mar Shimun. Nach diesen Ereignissen forderte die Vertretung Englands und auch die Franzosen bei der Pforte ein energisches Eingreifen, wodurch am Ende die gesamte Bedir Khan Clan 1847 nach Istanbul deportiert und anschließend nach Kreta verbannt wurde.

Mar Shimun XVII floh zur selben Zeit nach Persien und blieb zwei Jahre unter dem Schutz amerikanischer Missionare in Urmia. Anschließend kehrte Mar Shimun nach Qodshanis zurück und mit ihm wenig später auch der verbündete Missionar Grant. Allerdings waren die Kirchen und missionarischen Einrichtungen total zerstört und eine Wideraufnahme des Schulsystems war unmöglich.


Quelle: van Bruinessen, M.: Scheich, Agha und Staat. Berlin, 1989; Behrendt, G.: Nationalismus in Kurdistan. Hamburg, 1993; Baum, W.: Die sogenannten Nestorianer im Zeitalter der Osmanen (15. bis 19. Jahrhundert). IN: Schipper, F.: Zwischen Euphrat und Tigris: Österreichische Forschungen zum alten Orient. Münster, 2004, S. 229-246; Grant, A.: The Nestorians or the lost tribe. With a new Int. by H.L. van den Berg. Piscataway, 2004; Arnold, W.: Sprache und Literatur der Christen des Vorderen Orients. IN: Gralla, S.: Oriens Christianus. Münster, 2003, S. 74-85 


 

 

[i] besagt, dass Jesus nur eine einzige Gestalt besitzt, die vollkommen göttlich ist

[ii] der Zusammenhang zwischen Nestorianern und Chaldäern und damit auch mit der assyrischen Kirche des Ostens ist in der Literatur oft vermischt und oftmals werden beide lediglich als geographischer bzw. linguistischer Terminus für beide Glaubensgemeinschaften verwendet.

[iii] so wurden Bibelübersetzungen verteilt und durch die Missionsstationen Schulen eröffnet, die es den Christen ermöglichten, in ihrer eigenen Sprache zu lernen,

[iv] Wohngebiet von Mar Shimun XVII


Mar Shimun XVII

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