KURDICA - Die Kurdische Enzyklopädie  
  Willkommen Home |  Über Kurdica |  Gästebuch |  Sponsoren |  Feedback  
Suchen


Menü

Gesellschaft: Qelin(d) - Brautgeld
Geschrieben am Donnerstag, 20. März 2014 von Baran Ruciyar

Gesellschaft

Die Existenz des sog. Brautgeld in der kurdischen Gesellschaft ist ein Fakt, und gibt Anlass zu vielen Spekulationen und wird von den Betroffenen selbst als ein „komischer Brauch“ bezeichnet. Die Intensität der Zwangsheirat und das Verlangen des Brautgeldes ist in Kurdistan nach wie vor weit verbreitet.

Die Moralvorstellung der Kurden steht mit dem Islam sehr eng in Zusammenhang. Die Sitten und Gebräuche und Oralliteratur spiegelt die Seele und Mentalität eines Volkes wider. Das kurdische Moral- und Sittlichkeitsempfinden sieht natürlich die Frau als hilfsbedürftig an und d.h. auch die Bereitschaft sich um die Zukunft der Frau zu kümmern. So auch die drei großen Islamzivilisationen Araber, Türken und Perser. Einer Nachfrage nach war für 24% der befragten türkischen Frauen ein Brautgeld gefordert worden1.

Obwohl die kurdisch-nationalistische Bewegung in letzter Zeit bemüht ist, die soziale Stellung der Frau in der kurdischen Gesellschaft homogenisiert wiederzugeben, sind diesbezüglich immer noch feine Unterschiede vorhanden. Das sagenumworbene Brautgeld gehörte noch vor einpaar Jahren zu den Themen, über die bei den Kurden am heftigsten diskutiert wurde. Man warf den Eltern “den Verkauf2“ ihrer Töchter vor und sowohl von den Politikern als auch von religiösen Oberhäupter wurde immer wieder die Abschaffung dieses Brauchs, der seit Jahrhunderten unter der Gesellschaft verankert ist, verlangt3 - mit sehr dürftigen Nachwirkungen. Selbst seitens Türkei wird seit dem späten 60igern im Rahmen der Assimilationspolitik versucht, die Menschen von diesem Brauch abzubringen. Sowohl im türkischen Kino als auch in der Presse wird es immer wieder thematisiert und heftig kritisiert4.

Zwangsheirat und Brautgeld stehen im Zusammenhang – aber sind nicht unzertrennlich, manchmal kommt es vor, dass zwei junge Menschen sich kennen lernen, lieben aber trotzdem der Bräutigam ein Brautgeld zahlen muss. Viele Familie sind bemüht, ihre Kinder in einer sozial höhergestellten Familie einheiraten zu lassen, dabei spielen patriarchalische Machtverhältnisse eine große Rolle. „Man sieht die Frau als <<Eigentum>> des Mannes, ohne eigenen Willen, ohne Rechtspersönlichkeit. Sie ist ausgeschlossen und wird im Falle des Todes des Ehemannes an dessen Bruder <<vererbt>>. Töchter aus dieser Verbindungen sind oft nicht registriert und praktisch rechtlos, das heißt auch von Bildung ausgeschlossen. In anderen Fällen erhalten die Familien durch die Zwangsheirat ein hohes Brautgeld für die Mädchen. Hier sind für Zwangsverheiratung also auch finanzielle Gründe ausschlaggebend“5. Diese kurze Pauschalisierung dürfte wohl hinterfragt werden; eigentlich soll das Geld für die Braut dienen, falls der Ehemann sie verstößt, damit sie hinterher nicht mittellos dasteht oder die Familie der Tochter, sie verliert eine Arbeitskraft - auch wenn das hart klingt - nicht untergeht. Hinzukommt, dass die Hälfte des Brautgeldes für das Hochzeitsessen ausgegeben wird. Außerdem kommt es vor, jedoch nicht sehr oft, dass Männer aus der Stadt für Mädchen aus den ländlichen Gebieten kein Brautgeld zahlen. Sie begründen das damit, dass die Aussteuer sehr gering ist – meist nur Handarbeiten und die Männer selbst das gesamte Haus einrichten müssen. Überhaupt begründet man das Verlangen des Brautgeldes mit der Aussteuer. In der Vergangenheit war es so, dass das Aufbauen des Haushalts des neuen verheirateten Paares von der mitgebrachten Aussteuer der Braut abhängig war. Die Aussteuer der Braut bestanden zumeist aus einem Sandix (=Truhe) und paar Boxçe (=Pack), die zum Teil aus den Handarbeiten bestand, die sie seit ihrer Kindheit mit der Hilfe ihrer Mutter hergestellt hatte. Je voller der Sandix der Braut war, desto höher stieg sie in der familiären Hierarchie auf. Denn die Reichen, die sich leisten konnten mehr als nur eine Frau zu versorgen, könnten durchaus mehr als nur eine Frau heiraten. Insbesondere bei den armen Familien ist es so, dass die Familie einen großen Teil des Brautgeldes für sich investiert. Es kommt auch öfter vor, dass eine Familie ihre Existenz opfern muss, um ihren Sohn die Hochzeit zu arrangieren. Es gibt aber auch Fälle, wo die Braut selbst auf das Brautgeld besteht. Für sie ist es kein Kauf, sondern sie verbindet es mit ihrer persönlichen Ehre. Würde der Mann keinen Brautpreis zahlen, wäre sie ihm nichts Wert6. In Iranisch-Kurdistan sind die Frauen, die den unteren Schichten angehören als Angehörige einer ethnischen Minderheit, noch stärker von den Gesetzen diskriminiert und leiden noch mehr unter diesen. Einerseits haben die ungerechten Gesetze dazu geführt, dass die Beziehungen zwischen den Frauen und Männern sehr ungleichgewichtig sind, so dass auch die Männer deswegen mit vielen Problemen konfrontiert sind. Dort ist es sogar üblich, dass die Männer ein sehr hohes Brautgeld zahlen müssen. Die Frauen fordern diese hohen Summen, da sie damit ihre Nachteile aufgrund rechtlicher Ungleichheit aufzuwiegen versuchen. Selbst Khomeini forderte die Frauen einst auf, hohes Brautgeld zu fordern, damit die Männer "den Wert ihrer Frauen besser zu schätzen wissen"7. Aber auch bei einer Heirat innerhalb einer Großfamilie ist das Brautgeld denkbar, jedoch verliert es natürlich an Wert, wenn Cousin und Cousine heiraten.

Eine weitere Zahlung des Bräutigams ist das so genannte Milchrecht, was der Mutter der Braut ausgehändigt wird, die das Geld behält oder davon auch Aussteuer kauft. Meist aber werden Geschenke überreicht, die nicht nur die Mutter sondern alle älteren weiblichen Familienmitglieder der Braut bekommen. Eine Ausnahme stellt Berdel dar. An Mädchen die als Berdel verheiratet werden, wird kein Qelin ausgehändigt.

 

Wenn man den exilisierten und auch maßgeblich assimilierten Teil der Kurden mit denen, die die kurdische Identität im ganzen in sich trägt vergleicht, könnte man leicht glauben, dass es sich hier um zwei verschiedenen Kulturen handelt. Während die einen sich mehr oder minder von den traditionellen kurdischen Gesellschaftsstrukturen entfernt haben, beharren die anderen auf die alten Traditionen und Bräuche. Die traditionelle Hochzeiten mit goldbehangenen Bräuten gehören besonders bei den Kurden in der Diaspora immer mehr der Vergangenheit an. Vielmehr finanzieren die Eltern des Bräutigams (und manchmal auch zusammen mit den Eltern der Braut) den Haushalt und die Möbel der neuen Wohnungen. Bei einigen Familien erhält das Paar sogar eine Eigentumswohnung geschenkt. Trotzdem ist die Gabe von Brautgeld auch in der Diaspora nicht ausgestorben, woran man erkennen kann, wie tief diese Tradition mit der kurdischen Kultur verwurzelt ist. Insbesondere bei den Yeziden, obwohl es in Deutschland einklagbar ist8, hat das Brautgeld neue Dimensionen angenommen, es werden horente Forderungen von 40.000 bis 70. 000 € gestellt. Auch in der Heimat ist für die armen muslimischen Kurden, die das hohe Brautgeld nicht aufbringen können, die Entführung der yezidischen Mädchen der einzige Ausweg diesem zu entgehen9. Auch innerhalb der kurdisch-muslimischen Gesellschaft kamen in der Vergangenheit Entführung aus demselben Grund öfters vor, aber nicht immer entfiel das Brautgeld, sondern man verlangte eine geringe Summe.

 

Vor der Hochzeit werden traditionell finanzielle Angelegenheiten zwischen den Eltern des Bräutigams und der Braut besprochen. Dabei fordern die Eltern der Braut eine Anzahl von Goldstücken für die Braut und eine bestimmte Geldsumme für die Ausgaben der Braut während ihrer Verlobungszeit im Elternhaus. Die Goldstücke, die die Braut während der Hochzeit trägt10, zeigen den gesellschaftlichen Status einer Familie an, das heißt, je mehr Gold der Braut umgehängt wird, um so reicher und gleichzeitig um so höher steigt die Familie im gesellschaftlichen Rang. Deshalb wird versucht, der Braut so viele Goldstücke zu finanzieren, wie es für ihre Familie möglich ist, um das Ansehen zu erhalten oder sogar dazuzugewinnen. Denn neugierigen Augen der Verwandten und Hochzeitsgäste beobachten während der Hochzeit und Hena-Nacht genau, mit wie viel Gold die Braut behängt ist. 2 Meter lange Goldketten, 50 Goldstücke und mehrere Ringe gehören zum Brautgeld was in Deutschland ausgehängt wird. In der Heimat fällt es durchaus niedriger aus. Die reichen Aghas und Sheichs dagegen kaufen manchmal kiloweise Gold für ihre Bräute und führen demonstrativ ihre gute finanzielle Lage ihrer Gäste vor Augen. Doch selbst dieses Gold als Brautpreis darzustellen geht am Kern der Sache vorbei. Es soll im eigentlichen der Frau eine Sicherheit geben, was ihre Zukunft angeht (siehe oben). Dieses Gold kommt tatsächlich nicht, wie allgemeinen angenommen, dem Brautvater zugute, sondern soll dem jungen Paar als finanzielle Sicherheit oder als Startkapital für ein eigenes Geschäft oder Haushalt dienen.

 

 

 


 

1Yeter, Bulut: Türkische Frauen in Deutschland- auf dem Weg in die Moderne?, 2007, s. 108.

 

2„Es wäre unangemessen sogar falsch, abfällig von der ´verkauften Braut´ zu sprechen. Wenn die junge Frau heiratet, verliert die Sippe eine tüchtige Arbeitskraft, die der Familie des Mannes zugute kommt. Auf dem Land verrichten die Frauen 80 Prozent aller Arbeiten. Sie gebären und erziehen den zahlreichen Nachwuchs. Sie kümmern sich um Haus und Garten. Sie backen das Brot, holen das Wasser und rackern sich auf dem Feld ab. Da ist es aber nur recht und billig, dass der Brautpreis diesen empfindlichen Verlust vergütet. Eine ausgeklügelte Transaktion am Beginn einer jeden Ehe. Das schließt nicht aus, dass die Partner einander achten und Lieben. Vor allem wenn man Realist ist“ vgl. Alexej, Moir: Kulturschlüssel Türkei: Andere Länder entdecken und verstehen, 1999, s. 63.

 

3Am Beispiel von Mîr Tehsîn Beg, das Oberhaupt der yezidischen Religionsgemeinschaft; Mîr Tehsîn verlangt in einem Interview, dass die Eltern ein erhöhtes Brautgeld für ihren Töchtern verlangen und fordert die Betroffene auf, sich dagegen zu währen. Vgl. das Interview mit Mîr Tehsîn Beg auf der Seite: http://www.yezidi.org/interview_operhaupt.0.html

 

4Die angewandte sarkastische Methoden seitens der Türkei gegen „den Handel“ mit den Mädchen sind absurd und können keineswegs die Menschen dazu bringen diesen Brauch aufzugeben; Başlik – so die türkische Bezeichnung des Brautgeldes, gilt als Zeichen für kulturelle Rückständigkeit und Primitivität, und wird mit der kemalistischen „Seele“ bekämpft. Zudem Zwangsheirat ist in der Türkei verboten, da es einen massiven Verstoß gegen Artikel 16 der allgemeinen der „Menschenrechte der Vereinten Nationen“ darstellt.

5Vgl. Katsikaris, A.: Türkei Europa, 2006, s. 217

 

6Gartmann, Helene: "Zur Situation der Frau im Gecekondu." Berlin 1981, s. 78-83

 

7Vgl. http://honestlyconcerned.info/bin/articles.cgi?ID=IR7207&Category=ir&Subcategory=19 (letzter Besuch: 15. 06. 08)

 

8Vgl. http://www.welt.de/politik/article1093027/Muslimische_Mitgift_in_Deutschland_einklagbar.html (letzter Besuch: 14. 06. 08).

 

9Ein Memorandum der Gesellschaft für bedrohte Völker - November 2007: http://www.gfbv.de/reedit/openObjects/openObjects/show_file.php?type=inhaltsDok&property=download&id=1170 (letzter Besuch: 12. 06. 08).

 

10Anwander, Armin (Hrg), Ekin, Akif, Singler, Axel: Nachbarn Türkei, wo sich Europa und Asien verbinden, Frankfurt, Allg. Zeitung, F. (1997), s. 143.


Qelin(d) - Brautgeld

Keine anonymen Kommentare möglich, bitte zuerst anmelden

Für den Inhalt der Kommentare sind die Verfasser verantwortlich.



Die Artikel sind geistiges Eigentum des/der jeweiligen Autoren,
alles andere © 2008 - 2017 by KURDICA - Die Kurdische Enzyklopädie
Seitenerstellung in 0.041 Sekunden, mit 17 Datenbank-Abfragen | Kurdistan Online Magazin