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Religion: Riten und Tabus bei den Ezidi
Geschrieben am Freitag, 16. Mai 2014 von rinret

Religion

Zu Beginn dieses Beitrags muss festgehalten werden, dass die sogenannte moderne Gesellschaft, vor allem durch die Globalisierung, auch eine Veränderung in der Kultur der Ezidi verursacht hat. Besonders bei den Ezidi, die in der Diaspora leben, haben manche Riten und Tabus nicht mehr die Bedeutung, die sie ursprünglich hatten.

Jedoch versucht man weiterhin nach den Gesetzen und Bräuchen dieser Religion zu leben und auch deren Feste zu begehen. Der nachfolgende Artikel zeigt die ursprünglichen Riten und Tabus auf, in wie weit diese heute noch befolgt werden, ist wohl in jeder ezidischen Familie verschieden.

Die Riten, Gebete und Bräuche bei den Ezidi werden von der Priesterkaste überwacht und vorgegeben, was vor allem in mündlicher Anweisung erfolgt.

Ihre Gebete bestehen aus einem Haupt- und Morgengebet, bei Sonnenaufgang. Ihre rituelle Sprache ist dabei Kurmançi. Das Hauptgebet ist an Taus-i Melek gerichtet, wobei die sieben Gottengel aufgerufen werden.

Heilige Tage sind bei den Ezidi der Mittwoch, der als religiöser Festtag gilt und der Ruhetag ist der Samstag. Am Mittwoch dürfen dabei keinerlei Aktivitäten oder Arbeiten vorgenommen werden, traditionell ist den Ezidi sogar das Waschen des Körpers verboten.

 

Des Weiteren findet man bei den Eziden einen Kult, der die Vögel besonders verehrt. Diese Verehrung bezieht sich nicht allein auf den Pfau, der als ezidisches Symbol gilt, sondern alle Vögel genießen eine besondere Beachtung. Gründe für diese Vogelverehrung liegen wohl vor allem darin, dass die Vögel die einzigsten größeren Lebewesen sind, die sich in der Luft fortbewegen können und damit eine Verbindung zwischen Erde und Himmel darstellen, das heißt, auch Gott näher sein können als die Menschen.

 

Ein weiterer Ritus ist das Haaropfer. Begangen wird dieser Brauch nach wenigen Tagen nach der Geburt eines Kindes und wird von dem Pîr, dem ezidischen Priester, vorgenommen. Dem Neugeborenen werden dabei kleine Haarbüschel abgeschnitten und feierlich in die Erde eingegraben. Später sollen sich Mädchen und Frauen nie mehr die Haare schneiden lassen, Männer sollten dagegen zumindest einen Schnurrbart tragen.

 

Oftmals mit der Taufe gleichgesetzt wird das Eintauchen ins heilige Wasser, die „Weiße Quelle“ bei dem Pilgergang nach Lalesh, wahrscheinlich ist dies aber eher ein ritueller Reinigungsritus als ein Brauch, der mit einer Taufe verglichen werden kann.

Menzel berichtet allerdings auch von einer Art Taufe kurz nach der Geburt eines Kindes, die vom zuständigen Pîr oder einem Sheikh durchgeführt wird. Idealerweise sollte die Taufe in Lalesh an einem unterirdischem Ort durch dreimaliges Untertauen im geheiligten Wasser vollzogen werden. Ezidi, die entfernt von Lalesh wohnen, nehmen diesen Ritus mit mitgebrachten Weihwasser vor.

 

Wie auch im jüdischen und muslimischen Glauben werden die Knaben beschnitten. Die Ezidi nehmen diese Beschneidung zu Ehren Abraham’s vor, der seinen Sohn Ismail auf Befehl Gottes opfern wollte- Stirb ein unbeschnittener Knabe, soll die Beschneidung an ihm trotzdem noch vor der Beisetzung vorgenommen werden.

 

Trauer ist den Ezidi verhasst, den sie glauben, dass der Tote noch nicht wirklich tot ist, sondern nach der Beerdigung mit den Trauernden ins Haus zurückkehrt. Die Seele kann den toten Körper erst entfliehen, wenn Steine auf den Toten gefallen sind, um dies  geschehen zu lassen, werden die Gräber der Ezidi extra danach gebaut. Die Leiche wird dann sofort nach dem Tod mit gekreuzten Armen Richtung Osten ins Grab gelegt. Bei höhergestellten Persönlichkeiten wird eine Holzpuppe, die mit der Kleidung des Toden behängt ist, drei Tage lang im Dorf in einer Prozession, die immer von Musik begleitet wird, herumgetragen.

Nach dem Tod wird oftmals das Trauerorakel, der Koçak, befragt, wo man die Wiedergeburt der Seele zu lösen versucht. Das Grab des Verstorbenen selbst wird am 3., 7., 40. und am Jahrestag nach dem Sterbedatum besucht.

Als Farbe der Trauer gilt blau. Diese Farbe ist für die Ezidi tabu und das Wort soll auch nicht ausgesprochen werden.

 

Die ezidische Religion kennt auch eine Fastenzeit. Im Dezember findet ein dreitägiges Fasten statt, dass von Gebeten am Morgen, bei Sonnenhöchststand und bei Sonnenuntergang begleitet wird. Das Fastenbrechen mit dem Genuss von Wein wird beim Pîr oder Sheikh vorgenommen.

 

Eine weiter Pflicht für die Ezidi ist die jährliche Wallfahrt zum Grabe von Sheikh Adi, die vom 15. bis 20. September unternommen wird. Das Pilgern nach Lalesh ist unter den Ezidi nicht nur eine religiöse Pflicht, sondern sie drückt auch eine religiöse Geschlossenheit innerhalb der ezidischen Gemeinschaft aus. Das Wallfahrtsfest wird mit religiösen Waschungen und Baden im heiligen Wasser, religiöse Prozessionen und Gesängen und Tänzen bis hin zur Ekstase, der Opferung eines Ochsen, Kaldûş, und dem Zubereiten spezieller Speisen wie Harisa oder Sewik begangen. Außerdem werden Hunderte von Öllampen an den Heiligengräbern entzündet und Opfergaben dargebracht.

Die höchste Zeremonie wird im inneren des Heiligtums in Lalesh begangen, von dem Außenstehende ausgeschlossen sind.

Eine besondere Wichtigkeit bei dieser Wallfahrt stellt der Sheikh Adi Segen dar. Dieser wird im Form von Erdkügelchen vom Grabe Sheikh Adis und dem heiligen Wasser dargestellt, Diese Kügelchen begleiten die Ezidi ihr Leben lang und stellen eine Art Talisman für sie dar und werden dem Verstorbenen als letzte Wegzehrung in Grab beigelegt.

 

Ein anderes wichtiges Fest ist das Neujahrsfest, der Carsembe Sor, der am 1. Mittwoch im April nach ezidischer Rechnung (Mitte April) gefeiert wird.

 

Vielen Tabus unterliegt die Eheschließung. Geheiratet wird unter den Ezidi endogam und innerhalb der Kaste. Mitglieder verschiedener Kasten ist eine Eheschließung untersagt. Die Ezidi leben monogam. Die einzigste Ausnahme gilt für den Emir, der mehrere Frauen heiraten darf.

Die Zeremonie der Hochzeitsfeier wird durch den Pîr vorgenommen, der ein Brot in zwei Hälften bricht und jeweils ein Teil dem Brautpaar überreicht. Die Braut trägt während der Hochzeit ein rotes Kleid und es ist brauch, alle Gotteshäuser, auch christliche, zu besuchen.

Ehebruch ist den Ezidi strengstens verboten und hierauf bestand früher die Todesstrafe. Jedoch kennen die Ezidi eine Scheidung, die allerdings drei Zeugen fordert. Eine Ehe wird ebenfalls aufgelöst, wenn der Mann über ein Jahr von der Frau fernbleibt. Dieser Mann darf hinterher auch nicht nochmals heiraten. Bei Tod des Ehemannes ist es der Witwe erlaubt, sich bis zu sechsmal einen neuen Ehemann zu nehmen.

Im April, der als heiliger Monat gilt, ist es den Ezidi verboten zu heiraten.

Weiter Tabus finden sich zum Beispiel bei den Speisevorschriften. So ist es teils allen Yezidi und teils der Priesterkaste untersagt, Speisen wie Kohlgemüse, Kürbis, Bohnen, Fisch, Schweinefleisch, aber auch Reh, Gazelle und Hahn zu verzehren.

Wie oben schon erwähnt, gibt es innerhalb der ezidischen Gemeinschaft auch Tabuwörter, wozu neben der Farbe Blau auch das Wort Satan gehört, das nicht ausgesprochen werden darf.

 


 

Quelle: Allison, Ch: Yazid. IN: Iranica, 2004; Colpe, C.: Konsens, Diskretion, Rivalität. Aus der Ethnohistorie von Kurden und Yeziden. IN: Carsten Borck, Eva Savelsberg, Siamend Hajo (Hrsg.): Ethnizität, Nationalismus, Religion und Politik in Kurdistan; Kurdologie 1; Münster, 1997;  Menzel, Thomas: Yazidi. IN: Enzyclopädie des Islam, deutsche Ausgabe. S.1260-1267. Spuler-Stegemann, U.: Engel Pfau. Zum Selbstverständnis der Yezidi.  IN: Zeitschrift für Religionswissenschaften, No 5, 1997, S. 3-17.

Riten und Tabus bei den Ezidi

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